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Mittwoch, 30. März 2022

Assassin's Apprentice


Hallo meine Fantasyfreunde,

ich hatte mir für dieses Jahr fünf Autoren vorgenommen, die ich endlich ausprobieren wollte. Von meinem Juliet Marillier-Versuch habe ich euch bereits berichtet. Als zweite war nun Robin Hobb an der Reihe. So viele Leute schwärmen von ihrer großen magischen Welt, die mit diesem ersten Buch beginnt. Dabei ist die große Reihe in einzelne Trilogien und ein Quartett aufgeteilt, was es ein wenig handlicher macht. 

Die Fakten:

  • Autor: Robin Hobb
  • Sprecher: Paul Boehmer
  • Titel: Assassin's Apprentice (dts. Der Adept des Assassinen/Der Weitseher/Die Gabe der Könige)
  • Reihe: Farseer Trilogy 1, Realm of the Elderlings 1
  • Erschienen: 2012 (erstmal 1995)
  • Verlag: HarperCollins
  • Dauer: 17 Std. 18min (ungekürzt)
  • Preis: 9,95 Euro im Abo
  • Klappentext:

    "In a faraway land where members of the royal family are named for the virtues they embody, one young boy will become a walking enigma. Born on the wrong side of the sheets, Fitz, son of Chilvary Farseer, is a royal bastard, cast out into the world, friendless and lonely. Only his magical link with animals - the old art known as the Wit - gives him solace and companionship. But the Wit, if used too often, is a perilous magic, and one abhorred by the nobility. So when Fitz is finally adopted into the royal household, he must give up his old ways and embrace a new life of weaponry, scribbing, courtly manners, and how to kill a man secretly, as he trains to become a royal assassin."

Zur Handlung: Fitz ist noch ein kleines Kind, etwa 6 Jahre alt, als er von seinem Großvater zur Burg der Könige gebracht und dort abgegeben wird. An seine Mutter hat er keine Erinnerung. Seinen Vater lernt er nie kennen. Fitz ist ein seltsames Kind, denn er wird als Bastard des Thronfolgers am Hofe aufgenommen, lebt aber zunächst bei dem Stallmester und kümmert sich mit um die Pferde und Hunde, zu denen er eine ganz besondere Bindung hat.

Doch Fitz kann nicht ewig Kind bleiben, großteils unbeachtet von den Erwachsenen am Hofe des Königs. Eines Tages beginnt sein Training, und es dauert nicht lange, da beginnt sein wahres Training: er wird als neuer Auftragsmörder des Königs ausgebildet. Diese Ausbildung wird immer schwieriger, je stärker sich das Land in Aufruhr befindet. Denn neue Feinde sind an den Küsten aufgetaucht, die ein neues Unheil über alle bringen, und neue Allianzen müssen geschmiedet werden, um diesen Feind zu besiegen.

Ich war immer ein wenig ängstlich, dass ich dieses Buch nicht so mögen würde wie andere. Vor allem hatte ich Respekt davor, dass wir hier ganz klassisch einem Ausgewählten folgen, der hier auch noch ein Kind ist. Außerdem ist diese Welt zumindest im ersten Band klar durch Männer regiert und wir bekommen wenige Frauen zu Gesicht. Trotzdem konnte mich das Buch am Ende von sich überzeugen.

Das liegt zunächst am Schreibstil. Ich finde, dass man Robin Hobb sehr gut folgen kann. Sie hat einen klaren Stil, der gute, aber nicht zu üppige Beschreibungen liefert. Vor allem aber kann sie Charaktere schreiben. Die wichtigsten Figuren sind hier zwar alle Männer, aber sie fühlen sich alle echt an und haben charakterliche Tiefe. Auch sind die Beziehungen zwischen diesen Charakteren so fein gesponnen. Das hat einfach Spaß gemacht.

Fitz als Hauptcharakter hat für mich auch erschreckend gut funktioniert. Wir folgen zwar seiner Kindheit und Jugend, aber er erzählt uns das als alter Mann und damit auch mit seinen Reflektionen von später. Damit kann er manchmal auch Dinge vorausnehmen oder interessante Informationen einstreuen, die er in dem Alter noch nicht hatte, uns aber die Welt besser verstehen hilft. Fitz mochte ich vor allem, weil er sehr ruhig und fast schüchtern ist, dabei aber ein guter Beobachter und mit viel sozialem Intellekt. Er durchschaut zwar nicht immer alles, was geschieht, aber er hat tolles Gespür für Menschen (und Tiere). Man wünscht ihm wirklich nur Gutes.

Auch die beiden Mentoren in Fitz' Leben mochte ich. Einerseits haben wir den Stallmeister, der in manchen Abschnitten für Fitz fast ein Vater wird, aber dann doch immer wieder auch Probleme zwischen den beiden bestehen. Andererseits haben wir den aktuellen Auftragsmörder des Königs, bei dem Fitz in die Lehre geht. Ihn mochte ich besonders gern, und er hat einige ganz besondere Augenblicke mit Fitz. Beide Mentoren sind sehr verschieden und gerade deswegen beide so wichtig für Fitz. 

Schließlich haben wir noch die königliche Familie, zu der Fitz ganz unterschiedliche Beziehungen hat. Wir haben den König, dem Fitz dient. Dann haben wir den zweiten Prinzen, Fitz' Onkel, zu dem Fitz eine ganz besondere Beziehung aufbaut: dieser sieht in Fitz nämlich immer seinen großen Bruder. Die beiden brauchen nicht viele Worte, aber sie verstehen einander. Dann der dritte Prinz, der von einer anderen Mutter stammt und daher seine eigenen Ansprüche und Anliegen hat. Der hat für Fitz nicht viel übrig, denn er ist der einzige Nachwuchs seiner älteren Brüder. Und dann ist da die Frau von Fitz' Vater, eine der wenigen weiblichen Charaktere, die ein bisschen eine Rolle spielt. Das könnt ihr dann selbst lesen.

Der Geschichte in diesem Buch wird oft vorgeworfen, dass sie sehr meandert. Und das ist auch richtig. Es gibt so ein paar Events in der Mitte des Buches, die dann irgendwie gleich wieder in den Hintergrund treten, obwohl man das Gefühl hat, das muss doch super wichtig sein. Und dann geht die Geschichte in eine ganz andere Richtung weiter. Mich hat das aber gar nicht gestört, weil ich von den Charakteren so angetan war, dass mich das Was gar nicht so interessiert hat.

Das merkt man am Ende dann besonders. Plötzlich biegt die Geschichte in eine unerwartete Richtung ab und man wird in etwas hineingesogen, das man für den Großteil des Buches nicht kommen sieht. Dieses Ende ist dann aber so voller Intrigen, unmöglicher Entscheidungen und unvorhergesehener Offenbarungen, dass man völlig zufrieden aus dem Buch hervorgeht. Es geht dann nochmal um so viel, alles steht quasi auf dem Spiel. Erst wenn man dann nochmal genauer überlegt, sieht man, wie viele lose Enden das Buch hinterlässt, die dann im zweiten Teil sicherlich wichtig werden.

Eine Figur, die ich bisher noch gar nicht erwähnt habe, ist der Hofnarr. Ich möchte hier nicht zu viel sagen, weil ich glaube, dieser Charakter wird noch viel wichtiger werden für die Reihe. Aber ich liebe diesen Charakter und seine Beziehung zu Fitz, wie sie bisher ist. Ich kann es kaum erwarten mehr davon zu sehen.

Alles in allem muss ich euch dieses Buch empfehlen. Auch wenn es aus heutiger Perspektive nicht mehr perfekt ist (dafür bräuchte ich schon ein paar wichtige Frauen im Cast), ist es ein grandioses Fantasy-Buch. Ich habe lange nicht mehr so mitgefiebert wie am Ende dieses Hörbuchs. Es hat mich wirklich völlig überzeugt und ich freue mich dann bald auf den zweiten Band, wenn meine Lesepläne es zulassen.

Habt ihr die Reihe schon begonnen? Oder ist euch das zu angestaubt?

Bis bald,

Eure Kitty Retro




Meine Bewertung:



Freitag, 25. März 2022

Open Water


Hallo meine Lieblingsleser,

die Zeit verfliegt und ich komme mit Lesen gar nicht hinterher, weil ich gerade am Ende meiner Doktorarbeit schreibe. Daher dachte ich, ich mache es mir leicht und lese mal etwas Kurzes. Dieses Buch hatte ich in der Bibliothek entdeckt, und ich hatte Gutes darüber gehört. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Die Fakten:

  • Autor: Caleb Azumah Nelson
  • Titel: Open Water (dts. Freischwimmen)
  • Erschienen: 2021
  • Verlag: Black Cat
  • Seiten: 164
  • Preis: 8,59 Euro
  • Klappentext: "In a crowded London pub, two young people meet. Both are Black British, both won scholarships to private schools where they struggled to belong, both are now artists - he a photographer, she a dancer - and both are trying to make their mark in a world that by turns celebrates and jects them. Tentatively, tenderly, they fall in love. But two people who seem destined to be together can still be torn apart by fear and violence, and over the course of a year they find their relationship tested by forces beyond their control."

Zur Handlung: Boy meets girl in eine Pub auf einer Party. Die beiden scheinen füreinander geschaffen zu sein, auch wenn sie eigentlich gerade in einer Partnerschaft ist. Er kann sie allerdings nicht vergessen und nach einiger Zeit treffen sie sich wieder und es bildet sich eine zaghafte Freundschaft, die dann irgendwann mehr wird. Doch das Leben hat andere Pläne.

Sie studiert in Dublin und er lebt in London. Einen traumhaften Sommer verbringen sie zusammen, doch die Distanz zwischen ihnen wächst, vor allem, wenn er mit dem Traumata und Ängsten seiner Existenz als Schwarzer junger Mann in Großbritannien konfrontiert wird und diese Gefühle nicht mir ihr teilen kann oder will.

In diesem Buch geht es ganz und gar nicht um das Was. Klar, wir bekommen hier irgendwie eine Liebesgeschichte ohne Garantie für ein Happy End. Aber ich glaube, wer hier für die Romanze kommt, wird vielleicht enttäuscht. Dieses Buch ist poetisch und wunderschön und rein und bitter und süß. Aber es ist nicht wirklich hier, um eine Geschichte zu erzählen. Stattdessen legt es eine Gefühlswelt offen, die so tief geht, dass man direkt hinein versinkt.

Das Buch ist in der zweiten Person geschrieben, was ich persönlich liebe. Es zieht einen so in die Geschichte hinein, denn es hat etwas Suggestives. Es suggeriert, dass dir diese Dinge passieren, dass du dich verliebst, dass du leidest, dass du glücklich bist, dass du Angst hast. Auf dieser Ebene funktioniert das Buch für mich einfach. Dagegen ist von der Frau aus dem Pub immer von ihr die Rede. Und dann haben wir noch ein kollektives Sie, das am Ende des Buches immer mehr Raum gewinnt.

Wie gesagt, das Buch ist sehr poetisch. Während es am Anfang schon noch ein bisschen Plot dazu gibt, wie die beiden sich treffen, so ist die zweite Hälfte des Buches fast nur noch Gefühl. Und das sind keine positiven Gefühle. Allerdings habe ich bei so einem Schreibstil gerade im Englischen manchmal das Problem, dass ich nicht alles verstehe, was passiert, weil es so unklar formuliert wird. Mir macht das nichts aus, nicht jeden Satz zu verstehen, aber einige von euch mögen das vielleicht nicht.

Um welches Gefühl geht es denn jetzt neben dieser Liebe? Um das Gefühl ein Schwarzer junger Mann in London zu sein. Es geht darum, Angst zu haben, wenn die Blaulicht siehst. Es geht um Gewalt und um den Zufall und die Unberechenbarkeit von allem. Es werden einige Szenen von Rassismus sehr direkt beschrieben. Andere Momente versammeln das geballte Gefühl dieser Erfahrung, sodass man kaum mehr atmen kann. Sie zeigen, wie die rassistische Umgebung diese jungen Männer fast erdrückt. Ich fand diesen Aspekt des Buches perfekt. Es steckt so viel drin in diesem Buch, es macht so viel mit dem Leser. Wirklich grandios.

Nur leider hätte ich die Liebesgeschichte nicht dazu gebraucht. Man merkt deutlich, dass der Autor aus meiner Generation stammt, so wie er die Beziehung beschreibt. Ich habe da durchaus auch Anknüpfungspunkte gefunden, aber ich lese ja generell eher ungern über romantische Beziehungen. Letztlich ist für mich aber vor allem entscheidend, wie blass die Frau in diesem Buch bleibt. Wir bekommen so wenig von ihr zu sehen, dass ich wünschte, sie wäre gar nicht dagewesen. Denn so fühle ich einfach diese Leere, wo ihre Persönlichkeit sein sollte. Das fand ich schade. Auch am Ende wird das irgendwie eher so fallen gelassen. Die Bedeutung der Romanze ist mir nicht ganz klar geworden.

Das Cover finde ich übrigens wundervoll, es ist so schön und passt perfekt zum Buch. Allerdings hat meine Ausgabe so ungleich geschnittete Seiten und das hasse ich beim Lesen, weil ich einfach nicht ordentlich blättern kann.

Alles in allem kann ich das Buch aber nur empfehlen. Ich weiß nicht, wie gut die Übersetzung ist, aber es ist auf jeden Fall eine erschienen, wenn ihr das lieber mögt. Es gibt also keine Ausrede, diesem Buch nicht eine Chance zu geben. Es lässt sich sehr schnell lesen, weil man so hineinfallen kann in den wundervollen Schreibstil, und ich habe wirklich noch einmal viel gelernt bei dieser Lektüre. Vieles, was mit Unterdrückung zu hat, werde ich nie verstehen können, doch solch tief gefühlte Bücher wie dieses vermitteln zumindest einen Eindruck.

Ich hoffe, ihr gebt dem Buch eine Chance.

Bis bald,

Eure Kitty Retro





Meine Bewertung:



Sonntag, 20. März 2022

Pachinko


Hallo meine Historienleser,

bald erwartet uns eine neue Buchverfilmung in Serienform, die richtig gut aussieht. Allerdings habe ich mir dieses Buch ganz unabhängig davon zu Weihnachten gewünscht - ich bin nicht immer gut informiert über solche Serien. Aber es passt damit ja gleich gut, und ich habe mich sehr auf das Buch gefreut. Außerdem habe ich es zusammen mit einer Freundin gelesen, was eine ganz tolle Erfahrung war, denn über dieses Buch kann man sehr gut sprechen und diskutieren.

Die Fakten: 

  • Autor: Min Jin Lee
  • Titel: Pachinko (dts Ein einfaches Leben)
  • Erschienen: 2017
  • Verlag: Head of Zeus Ltd
  • Seiten: 531
  • Preis: 14,39 Euro
  • Klappentext: "Teenaged Sunja, the adored daughter of a crippled fisherman, falls for a wealthy yakuza. He promises her the world, but when she discovers she is pregnant - and that her lover is married - she refuses to be bought. Facing ruin, she accepts an offer of marriage from a gentle minister passing through on his way to Japan. Following a man she barely knows to a hostile country where she has no friends Sunja will be forced to make some difficult choices. Her decisions will echo through the decades."

Zur Handlung: Dieses Buch umfasst insgesamt fünf Generationen einer Familie aus Korea, die in der dritten Generation in Form von Sunja nach Japan auswandert. Sunjas Großeltern haben eine Art Herberge auf einer Insel in der Nähe von Busan. Sunjas Vater hat eine Behinderung und daher sind seine Eltern überrascht, als eine Heiratsvermittlerin auf sie zukommt und ihm eine Frau anbiete. Sunja wächst dann sehr geliebt von ihrem Vater auf, doch er verstirbt früh.

Das Glück von Sunja und ihrer Mutter, die eine sehr gute Köchin ist, ist, dass sie die Herberge weiterhin betreiben können. Während Sunjas Mutter sich um die Gäste kümmert, ist es Sunjas Aufgabe, auf dem Markt die nötigen Lebensmittel zu kaufen. Auf diesem Markt begegnet sie eines Tages Hansu, der sich sehr viel Mühe gibt mit ihr bekannt gemacht zu werden. Aufgrund seines Auftretens und seiner Selbstsicherheit verfällt Sunja ihm schließlich, was ihr Leben und das ihrer Kinder und Enkel für immer verändern wird...

Es gibt so viel Großartiges über dieses Buch zu sagen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Historisch beginnt das Buch um 1910 und endet 1989, es umfasst also fast ein ganzes Jahrhundert. Dieses Jahrhundert war für Korea vor allem durch die Besetzung durch Japan und nach dem zweiten Weltkrieg durch den Kalten Krieg geprägt. Anders als Deutschland stand es nicht auf der Angreiferseite des zweiten Weltkrieg, wurde aber trotzdem durch die Siegermächte in Nord und Süd geteilt - und anders als Deutschland gibt es bis heute keine Wiedervereinigung der Länder. Ich denke, dass es in Deutschland viele Leute gibt, die die Geschichte von Korea wenig bis gar nicht kennen, denn in der Schule hatte ich dazu zumindest nichts gelernt. Dieses Buch gibt uns zumindest einen kleinen Einblick in diese sehr tragische Geschichte, wenn auch von der fernen Küste Japans.

Japan und Korea vereint dabei ein sehr schwieriges Verhältnis. Nachdem Japan Korea 1910 als Kolonie erklärt hat, werden hohe Steuern erhoben, die es für Koreaner im eigenen Land immer schwieriger machen zu überleben. Selbst der koreanische Adel muss nach und nach sein Land verkaufen, um die Steuern zu zahlen. Daher verlassen viele Koreaner ihre Heimat, um in japanischen Slums zu leben, besseres Geld zu verdienen und eventuell etwas an die Familie zurückzuschicken zu können. Mit Sunja machen wir genau diese Reise: weg von ihrer Heimat, der kleinen koreanischen Insel, nach Osaka, wo sie sieht, in welchen Umständen Koreaner leben müssen. Für mich waren das unglaublich einprägsame Szenen, die zeigen, was passiert, wenn wir andere Menschen als nicht "ganz menschlich" wahrnehmen und ihnen kein gleichgestelltes Leben erlauben. 

Neben diesen historischen Ereignissen, die natürlich auch den zweiten Weltkrieg, die Atombomben und schließlich den kalten Krieg und die neue Nähe zu den USA umspannen, verfolgen wir aber vor allem Sunjas Leben. Sunja als Hauptfigur habe ich geliebt. Geboren als Tochter, die aufrichtig von ihrem Vater geliebt wird, der lange Zeit dachte, dass er nie eine Frau und ein Kind haben kann, entwickelt sie ein gutes Gespür für sich selbst und die Weise, wie sie geliebt werden will. In Korea ist es nicht üblich, dass Eltern ihren Kindern ihre bedingungslose Liebe so zeigen, aber sie macht Sunja sehr einzigartig.

Sunja ist dabei sehr fleißig und respektvoll. Sie hilft ihrer Mutter und ist auch durch eine gewisse Tugendhaftigkeit ausgezeichnet. Doch als Hansu ihr Avancen macht, kann sie irgendwann diesem aufregenden, offensichtlich wohlhabenden und attraktiven Mann nicht mehr widerstehen. Dabei sehen wir von außen schon, dass Hansu kein wirklich guter Mensch ist, aber dennoch können wir Sunja ihre Gefühle nicht verübeln. Als Sunja erfährt, dass Hansu bereits eine japanische Ehefrau und mehrere Töchter hat, gewinnt ihr Selbstwertgefühl aber wieder die Oberhand, und sie ist bereit, die Konsequenzen ihres Handelns zu tragen, aber nicht bereit ihre eigene Tugendhaftigkeit völlig aufzugeben.

Sie ist im Folgenden ein Charakter, der bereit ist, für Liebe und die Geliebten viel aufzugeben, sie will ihren Kindern ein gutes Leben ermöglichen und diese beschützen und lieben, so gut sie kann. Sie ist auch bereit zu Leiden, wenn es denn einem Zweck dient, aber sie weiß auch, wann sie ihre Stärke auspacken und ordentlich auf den Tisch hauen muss. In dieser Komplexität war ich einfach völlig verliebt in sie - ein wahnsinnig lebensechter Charakter.

Neben Sunja sind viele andere Charaktere relevant, zu denen sie sehr komplexe Beziehungen hat. Da ist ihre Mutter, die zunächst in Korea verbleibt und die Herberge weiterführt. Wir haben Hansu, der auf Sunjas Wunsch aus ihrem Leben zu verschwinden scheint. Wir haben Isak, der Sunja schließlich heiratet und nach Japan bringt - ein sehr feinfühliger, guter Mann, der nach christlichem Glauben erzogen ist. Wir haben Yoseb und Kyunghee, Isaks Bruder und seine Frau, die Sunja liebevoll als Schwester aufnehmen und fester Bestandteil ihres Lebens werden. Wir haben Sunjas Kinder und Enkel, deren Partner und Freunde und viele mehr. Dabei schafft es das Buch, dass jede Figur völlig einzigartig ist und uns abgerundet und voll entwickelt erscheint.

Das wichtigste Thema neben Familie ist in diesem Buch Rassismus, speziell der Rassismus von Japanern gegenüber Koreanern und was das mit den Koreanern macht, die in Japan leben und schon so lange gelebt haben, dass sie Korea gar nicht mehr kennen. Die Frage des Rassismus wird dabei an verschiedenen Figuren betrachtet, allen voran jedoch Noa und Mozasu, sowie Solomon. Ich will hier nichts spoilern, aber wie verschieden die Charaktere mit dem Rassismus umgehen, ist unglaublich spannend. Dabei werden diese Momente immer wieder gegeneinander ins Licht gesetzt - zum Beispiel in einer Szene zwischen Mozasu und seinem Schulfreund, nachdem dieser als Polizist zu einem Selbstmord von einem koreanischen Jungen ermitteln sollte. Es wird allerdings nicht nur auf individuellen und strukturellen Rassismus geschaut, sondern auch auf internalisierte rassistische Vorurteile, die man zu sich selbst und seiner Familie haben kann - und welche Folgen es hat, wenn man denkt, man wäre zu gut um der eigenen "Rasse" anzugehören, sich selbst und seine Familie dafür zu hassen beginnt.

Daneben wird das Motiv der Familie immer wieder stark gemacht. Wir sehen, wie stark in dieser Gesellschaft Japans das Gefühl ist, dass deine Familie über die bestimmt. In Form einer späteren Figur, Hana, können wir auch sehen, wie die Sünden der Mutter anders verarbeitet werden als im Falle von Sunja und ihren Söhnen. Diese Gegenüberstellung lädt wieder zu Reflektionen ein - ist Hana wirklich das Produkt der Sünden ihrer Mutter, oder hat sie sich diesem Schicksal vielmehr ergeben und damit auch selbst einen Anteil daran? Hier werden immer wieder Kontrastierungen eingebaut, die uns weiterdenken lassen. Daher ist dieses Buch bestimmt auch super für Buch Clubs und Diskussionsrunden.

Alles in allem bin ich einfach hin und weg von diesem Buch. Es ist unglaublich schlau geschrieben, auch sehr schön geschrieben, mit einer wahnsinnig tollen Hauptfigur, mit der wir viel leiden, aber der wir am Ende attestieren können, dass sie alles herausgeholt hat, was das Leben für sie zu bieten hatte. Das Buch wirft wichtige Fragen auf und kann uns, die wir wenig über asiatische Geschichte wissen, ein bisschen mehr Wissen vermitteln. Es ist eine tolle Diskussions- und Reflexionsgrundlage, vor allem für die Themen Rassismus und Familie. Ich hoffe, dass ihr alle dieses Buch lest, und dann vielleicht auch die TV Serie dazu schaut.

Bis bald,

Eure Kitty Retro





Meine Bewertung: