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Dienstag, 9. April 2024

Die Unerzählte Geschichte


Hallo meine Geschichtshasen,

heute möchte ich euch ein Buch vorstellen, dass ich zu Weihnachten bekommen habe. Es ist ein Buch über Geschichte - westliche Geschichte, mit Fokus auf Deutschland, Europa und etwas USA - aber anders erzählt, nämlich über die Errungenschaften von Frauen. Dabei wird auch darauf eingegangen, warum wir die Namen dieser Frauen vielleicht noch nie gehört haben, obwohl sie Unglaubliches geleistet haben.

Die Fakten:

  • Autor: Vera Weidenbach
  • Titel: Die Unerzählte Geschichte - Wie Frauen die moderne Welt erschufen - und warum wir sie nicht kennen
  • Erschienen: 2022
  • Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag
  • Seiten: 328 + Quellenverzeichnis
  • Preis:
  • Klappentext: "Frauen verändern schon immer die Welt: Sie waren nicht nur "die Ersten ihrer Art", sie waren die Ersten überhaupt. Sie forschten, schrieben Weltliteratur und läuteten neue Epochen in der Kunst ein. Vera Weidenbach macht endlich sichtbar, welchen Anteil Frauen an unserer modernen Welt haben. In Wahrheit schuf nicht Walt Disney den ersten Trickfilm, sondern Lotte Reiniger. Rosalind Franklin beschrieb die DNA, Ada Lovelace das erste Computerprogramm und Lise Meitner die Kernspaltung. Camille Claudel prägte die Bildhauerei der Moderne, und Margarete Steffin brachte die Stimmen der kleinen Leute in die weltberühmten Stücke von Berthold Brecht."

Zum Inhalt: In sechs Kapiteln gehen wir durch sechs Zeitabschnitte der Geschichte. Wir beginnen im 19. Jahrhundert, arbeiten uns durch den ersten Weltkrieg, die Phase zwischen den Weltkriegen und den zweiten Weltkrieg schließlich in die Nachkriegszeit bis fast zum Fall der Mauer und dem Ende des kalten Krieges. Dabei wird die Geschichte chronologisch erzählt und wir springen so von Frau zu Frau, besuchen einige nur einmal, andere immer wieder durch die Zeit hinweg.

Die Autorin beleuchtet dabei Frauen aus Wissenschaft, Kultur und Kunst, und zeigt deren Errungenschaften und ihre Unsichtbarmachung auf. Auch wenn sich die Möglichkeiten der Frauen durch die Zeit verändern, sind doch die Gründe, mit denen sie ins Abseits geschoben werden, erschreckend konstant. Hier geht es dann allerdings wenig in die Tiefe, sodass letztlich hier doch eine Reihe von Einzelschicksalen steht, die nur dürftig zu einem großen Ganzen verbunden werden.

Die Auswahl der Frauen, die konkret vorgestellt werden, ist nur eine Auswahl, das betont Vera Weidenbach in ihrem Buch. Es würden immer Frauen vergessen. Und ich finde auch, dass die Länge des Buches genau richtig ist, sodass ich nicht dafür plädieren würde, mehr Lebensläufe aufzunehmen. Dennoch hat sich mir so manche Auswahl nicht erschlossen. Zum Beispiel fand ich die Debatte um Coco Chanel zwar interessant (und würde hier auch Recherchen empfehlen, auch wenn ihr Mode nicht mögt), aber sie passt so gar nicht zu den unsichtbaren Frauen. Ihr Name steht auch heute noch auf luxuriösen Parfums und teuren Handtaschen. Kein Mann hat ihr den Rang abgelaufen oder den Erfolg streitig gemacht - auch wenn ein Mann für sie fast zum wirtschaftlichen Verhängnis geworden wäre. Was macht sie hier?

Auf der Kehrseite dieser Medaille fühle ich beim Lesen ein großes Loch von historisch unsichtbaren Frauen, die weiter unsichtbar bleiben, weil sie nicht die Wissenschaft oder Kunst revolutioniert haben. Weil sie so unterdrückt waren, dass ein Zugang zu potentiellem Ruhm in ihren kühnsten Träumen nicht vorkam. In einem frühen Kapitel finden wir zumindest einen kurzen Verweis auf die Rolle, die Klasse und Stand für diese Frauen gespielt haben. 

Aber daneben sind noch andere unsichtbare Frauen. Marginalisierte Frauen - Transfrauen, queere Frauen, Frauen mit Behinderung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich nicht zumindest eine solche Frau gefunden hätte, um den lustigen Reigen von weißen Mittelklasse-Frauen in diesem Buch unterbrochen hätte. Zugegeben, ein paar Schwarze Frauen und eine Frau chinesischer Herkunft werden erwähnt, doch alle in den USA. Gab es in Deutschland und Europa keine Frauen of Color, die Großes geleistet haben?

Abgesehen von dieser klaffenden Lücke hat mich das Buch durch den flüssigen Schreibstil überzeugt. Man kann es einfach super lesen. Ich hatte auch das Gefühl, dass sehr wenig Überflüssiges darin steckt. Ein bisschen seltsam fand ich die Geschichte von Silvia Plath aufgearbeitet - die ist auch nicht auf meiner Liste von unsichtbaren Frauen der Literatur, aber ok. Ein bisschen herausfordernd ist, dass wir chronologisch lesen und so manche Frauen in mehreren Abschnitten oder Kapiteln vorkommen, aber das hat mich nicht gestört.

Manche Frauen dagegen tauchen im Buch nur kurz auf - und das ist meistens, weil sie auch in der Geschichte nur kurz aufgetaucht sind. Es ist wirklich erschreckend, wie viele Frauen in diesem Buch bereits in jungen Jahren und sehr häufig an Krebs gestorben sind. Neben den vielen Aspekten, die Wut im Leser auslösen werden, hat mich das auch unglaublich traurig gemacht. Gerade für ihre teilweisen kurzen Leben, haben diese Frauen wirklich Großartiges geschafft. Diejenigen, die länger leben konnten, mussten oft um Anerkennung und Entlohnung für ihre Werke kämpfen. Also hier auf Wut vorbereiten.

Alles in allem fand ich das schon ein schönes Buch. Ich habe auf jeden Fall Dinge gelernt, die ich vorher nicht wusste. Auch der Fokus auf Deutschland, Europa und die USA fand ich ihn Ordnung, irgendwo muss man ja anfangen. Ich fand die Mischung aus Frauen aus Wissenschaft, Kultur und Kunst gut getroffen. Gegen Ende hin hatte ich aber das Gefühl, dass es irgendwie hektischer wird, da die kurzen Kapitel die komplexe Geschichte dann vielleicht nicht mehr so gut widergeben konnten. Aber vielleicht war das nur für mich so. Ich würde das Buch empfehlen, wenn ihr mal eine andere Geschichte über die Moderne lesen wollt. 

Bis bald,
Eure Kitty Retro





Meine Bewertung:



Samstag, 2. März 2024

Fearing the Black Body


Hallo meine Lesehasen,

wir gehen heute vom Black History Month in den Women's History Month, also lasst uns doch über ein Buch sprechen, dass die Themen race, gender und Körpergewicht miteinander verbindet. Das Buch hat mich schon seit Jahren interessiert, aber jetzt bin ich endlich dazu gekommen es zu lesen.

Die Fakten:

  • Autor: Sabrina Strings
  • Titel: Fearing the Black Body - The Racial Origins of Fat Phobia
  • Erschienen: 2019
  • Verlag: New York University Press
  • Seiten: 212 + Anhang
  • Preis: 32,55 Euro / kostenlos im Audible Abo
  • Klappentext: "Sabrina Strings weaves together an eye-opening historical narrative ranging from the Renaissance to the current moment, analyzing important works of art, newspaper and magazine articles, and scientific literature and medical journals-where fat bodies were once praised-showing that fat phobia, as it relates to black women, did not originate with medical findings, but with the Enlightenment era belief that fatness was evidence of "savagery" and racial inferiority. Fearing the Black Body argues that the contemporary ideal of slenderness is, at its very core, racializied and racist. An important and original work, it reveals that fat phobia isn't about health at all, but rather a means of using the body to validate race, class, and gender prejudice."

Zum Inhalt: In diesem Buch wendet die Aurotin Analysen von historischen Material an, um aufzuzeigen, wie das Narrativ von Körperfett als etwas Schlechtem und moralisch Verwerflichem entstanden ist. Dabei beginnt sie im 16. Jahrhundert, einer Zeit, in der die ersten afrikanisch-stämmigen Sklaven in den wichtigen Häfenstädten Europas sichtbar werden. Dabei geht es einerseits um die Inszenierung von Körpergewicht, andererseits um die Inszenierung von race, und wie beides mehr und mehr miteinander verwoben wird.

Dabei belässt die Aurotin es nicht bei einer Analyse der Unterschiede von schwarz und weiß, sondern greift verschiedene "Rassentheorien" auf und beleuchtet dahingehend auch unterschiedliche Gruppen von Menschen, vor allem auch irische Menschen oder Menschen aus Osteuropa (meist jüdisch), die zu verschiedenen Zeiten große Migrationsgruppen für die USA darstellten und als "andere" markiert wurden. Immer wieder wird dabei die Größe und Schlankheit der anglo-sächsischen bzw. später arischen "Rasse" betont, wohingegen andere Gruppen mit hohem Körpergewicht und damit körperlicher und moralischer Inferiorität verknüpft werden.

Das Buch ist grob in drei Teile unterteilt. Im ersten Teil geht es um das 16. und 17. Jahrhundert und fokussiert vor allem auf Europa, da hier das kulturelle Zentrum der weißen Welt liegt. Zunächst sind nicht-weiße Personen in dieser Zeit einer Neuheit und werden so in der Kunst dargestellt, und es gibt Diskussionen, ob diese genauso als schön gelten können wie weiße (meist Frauen). Dabei gilt zu dieser Zeit ein runder, wohlgenährter und kräftiger (Frauen-)Körper als ideal, das sowohl in weißen als auch in nicht-weißen Körpern gesehen wird. Diese Narrative ändern sich mit der Zeit, wenn Schwarze Körper zunehmend als klein, dürr und schwach beschrieben und damit nicht mehr mit Schönheit verbunden werden.

Der zweite Teil beschäftigt sich dann mit der Zeit, in der die "Rassentheorien" aufkommen. Wir betrachten dann auch mehr als nur Europa, auch wenn hier alles beginnt. Wir gehen dann allerdings auch nach Nordamerika über, wie der schlanke (Frauen-)Körper immer mehr zum Trend wird. Hier wandelt sich nun also das race-Gewichts-Narrativ. Nun sind die abgemagerten, großen weißen Frauen elegant und schön, und hohes Körpergewicht wird immer mehr mit den inferioren "Rassen" verbunden. Dabei kann es sich um Schwarze Körper handeln, aber auch um irische oder südeuropäische, denn diese wurden als "Rassen" mit afrikanischem oder asiatischem Erbe interpretiert. Interessant ist auch immer der mentale Spagat, dass das vermeintlich zu hohe Gewicht bei den weißen, anglo-sächsischen/arischen und damit superioren Körpern nur einer vorübergehenden Verirrung zu verschulden ist, die sich mit viel Bildung und Reform wieder richten lässt, während es bei den anders-gemachten "Rassen" als intrinsischer Fehler des Bluts gesehen wird, der eben beweist, dass sie inferior sind. 

Das Buch endet dann im dritten Teil mit einem Blick auf die Rolle der Medizin in dem Ganzen, die dann doch erschreckend gering ist. Zwar gab es einige Ärzte, die schon früh hohes Körpergewicht als ein gesundheitliches Risiko benannten und wilde Diäten (quasi nur Kuhmilchtrinken) vorschlugen, allerdings was das gesundheitliche Argument nie durchsetzungsfähig. Erst mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der vermeintlichen Abkehr von Ideen der "Rassentheorien" und Eugenik wird die Bedeutung der Medizin für die Kontrolle von (weiblichen und nicht-weißen) Körpern bedeutender. Besonders spannend war dann auch ein Hinweis auf zwei Studien im Epilog, die ungefähr zur gleichen Zeit veröffentlicht wurden. Während eine zeigte, dass die Mortalität mit Übergewicht geringer ist als bei Normalgewicht, betonte die andere, dass (hohes) Körpergewicht noch tödlicher sei als bisher angenommen - vor allem für Schwarze Frauen. Dass letztere Studie breit durch alle Medien geschleift wurde, während erstere einen intellektuellen Shitstorm auslöste, bestimmte das Narrativ der "Adipositasepidemie" für die nächsten Jahre.

Alles in allem war dieses Buch für mich absolut gelungen. Es ist sehr gut lesbar, auch für Nichtakademiker sehr verständlich geschrieben. Ich mochte die vielen Beispiele aus Kunst, Literatur, Wissenschaft und Quasi-Wissenschaft, Religion und Medien, die hier herangezogen werden um zu zeigen, wie sich über die Jahrhunderte ein Narrativ gefestigt hat: Fett ist schlecht. Dieses Narrativ bestimmt bis heute das Leben von vielen Menschen, vor allem Frauen. Wer sich schon immer gefragt hat, wo diese Idee eigentlich herkommt, der muss dieses Buch lesen.

Ich hoffe, ich konnte euch dafür ein bisschen interessieren. Für mich ist das eines der spannendsten Themen unserer Zeit

Bis bald,
Eure Kitty Retro





Meine Bewertung:



Donnerstag, 28. September 2023

Radikale Zärtlichkeit


Hallo meine Lieblingsleser,

ich stelle euch schon wieder ein Buch vor, direkt nachdem ich es beendet habe. Wer bin ich? Dieses Buch war ein Geschenk und das Cover allein ist schon so toll. Ich war sehr gespannt darauf, wie die Themen Zärtlichkeit, Liebe und romantische Beziehungen hier aufgearbeitet werden. Von der Autorin hatte ich noch nichts gehört oder gelesen, also eine Überraschung.

Die Fakten:

  • Autor: Şeyda Kurt
  • Titel: Radikale Zärtlichkeit
  • Erschienen: 2021
  • Verlag: Harper Collins
  • Seiten: 216
  • Preis: 18,00 Euro
  • Klappentext: "What is love? Ist die Liebe Sinn des Lebens, eine politische Allianz, Illusion oder Selbstzweck? Oder ist sie gar unmöglich, weil wir uns zwischen Zukunftsängsten, überhöhten Ansprüchen und diskriminierenden Strukturen völlig zerreiben? Şeyda Kurt nimmt unsere allzu vertrauten Liebesnormen im Kraftfeld von Patriarchat, Rassismus und Kapitalismus auseinander - und erforscht am Beispiel ihrer eigenen Biografie, wie traditionelle Beziehungsmodelle in die Schieflage geraten, sobald sich bei sicher geglaubten Wahrheiten Zweifel auftun. Wie also wollen wir wirklich lieben? Wen und wie viele? Wie kann er aussehen, ein radikaler Neuentwurf der Zärtlichkeit?"

Es handelt sich hier also um ein nichtfiktionales Werk, dass sich mit Zärtlichkeit und Liebe aus der Sichtweise einer umfassenden Kapitalismuskritik beschäftigt. Es ist keine wissenschaftliche Auseinandersetzung (auch wenn im Klappentext von Forschen geschrieben wird), aber es wird auf viele wichtige Texte und Autorinnen Bezug genommen, vor allem aus dem philosophischen und sozialwissenschaftlichen Bereich. Dadurch kann das Buch auch gute Anreize geben, wo man weiterlesen kann, wenn man denn möchte.

Die Autorin ist in Deutschland geboren, doch ihre Großeltern stammen aus der Türkei. Dadurch schreibt sie nicht nur aus einer weiblichen Sichtweise, sondern auch mit einem besonderen Fokus auf Rassismus. Sie lässt ihre eigenen Erfahrungen zum Thema einfließen, sowohl aus ihrer eigenen Beziehung als auch aus der Beziehung ihrer Eltern. Dabei war vor allem die Scheidung der Eltern für sie ein Moment, in dem viele feste Wahrheiten zu Liebe und Beziehung plötzlich ins Wanken gerieten. Es ist eine sehr spannende Perspektive, um sich diesem Themenfeld zu nähern, und ich habe gern darüber gelesen.

Neben dem Blick auf die Eltern lässt die Autorin aber auch einige Beispiele aus der türkischen Popkultur einfließen, so zum Beispiel Filme, die in den 60/70er Jahren in Istanbul gedreht wurden. Ich fand diese Beispiele sehr erfrischend, weil sie auch einen interessanten Kontrast zu heutigen Hollywood-Produktionen bilden und teilweise ganz offen gefragt haben, was Liebe denn nun eigentlich ist. 

Das Buch hat insgesamt neun Kapitel mit einigen Unterkapiteln. Die Struktur hat sich für mich allerdings nicht immer so klar ergeben. Besonders stark fand ich den Anfang des Buches, wo es um eine historische Einordnung unserer heutigen Vorstellungen von Liebe vor allem auch anhand von philosophischen Strömungen ging. Da war auch einiges dabei, das ist nicht wusste. Auch ihr Blick auf Monogamie und die rassistischen Vorstellungen zu Nicht-Monogamie fand ich sehr interessant. Danach fing das Buch dann aber an etwas auszufizzeln, ohne dass ich am Ende so den großen Knall erlebt habe, den das neue Konzept der radikalen Zärtlichkeit hätte auslösen können.

Ich glaube, die zweite Hälfte des Buches hat für mich dann einfach nicht mehr genug Neues gemacht, wie ich es mir gewünscht hätte. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass sie sich bei diesem Buch sehr stark auf einige wenige andere Schriften bezieht, sodass man sich teilweise beim Lesen fragt, warum man dann nicht einfach zu dieser anderen Schrift gegriffen hat. Da ist einerseits All About Love von bell hooks, und andererseits Warum Liebe Weh Tut von Eva Illouz. Ich habe beide Werke nicht in Gänze gelesen und kann deswegen hier keinen Vergleich anstellen, aber die Nummer der Bezüge und Zitate dazu war schon sehr auffällig.

Alles in allem hat mir das Buch aber gut gefallen. Ich habe einiges Neues gelernt, und werde sicher auch in Zukunft hier und da mal ein Kapitel nochmal lesen. Auch ist meine Neugier auf die anderen beiden genannten Bücher gestiegen. Ich finde, dass Şeyda Kurt hier ein sehr lesbares, durchaus radikales, aber trotzdem nachvollziehbares Buch über Liebe und Romantik geschrieben hat, das uns vermutlich allen gut tun würde zu lesen. Von mir gibt es also eine Leseempfehlung, wenn es euch interessiert.

Bis bald,
Eure Kitty Retro





Meine Bewertung:



Sonntag, 9. Juli 2023

Die letzten Tage des Patriarchats


Hallo meine Lieblingsleser,

dieses Buch habe ich vor einigen Jahren geschenkt bekommen und komme nun endlich dazu es zu lesen. Bei dem Titel dachte ich, es ist eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Patriarchat und was wir noch alles dagegen tun können, aber bei genauerem Hinsehen habe ich festgestellt, dass es sich um eine Sammlung von Zeitungsartikeln handelt, die die Autorin über die Jahre verfasst hat. 

Die Fakten:

  • Autor: Margarete Stokowski
  • Titel: Die letzten Tage des Patriarchats
  • Erschienen: 2018
  • Verlag: Rowohlt Taschenbuch
  • Seiten: 307
  • Preis: 14,00 Euro
  • Klappentext: "Brauchen wir den Feminismus noch? Oder ist die Revolution bereits geschafft? Margarete Stokowski hat darauf eine eindeutige Antwort. Seit 2011 zeigt sie in ihren Kolumnen, dass es noch einiges zu tun gibt auf dem Weg zu einer gleichberechtigten Gesellschaft. Sie analysiert den Umgang mit Macht, Sex und Körpern, die #MeToo-Debatte und Rechtspopulismus. Ihre Texte machen Mut, helfen, wütend zu bleiben und doch den Humor nicht zu verlieren."

Da ich es ein bisschen viel finde, meinen Senf zu allen einzelnen Artikeln abzugeben, gehe ich hier stattdessen die Kapitel durch und gebe oder meine Low- and Highlights. 

Meine Meinung zu den einzelnen Kapiteln:

  • Flirten und Vögeln und Liebe

In diesem Kapitel haben wir acht Beiträge, die zwischen 2011 und 2017 geschrieben wurden. Zum ersten Beitrag schreibt die Autorin selbst, dass sie ihn schrecklich findet, aber auch etwas von den sehr frühen nicht sehr guten Sachen einbeziehen wollte. Das ist eine interessante Art das Buch zu beginnen. Allgemein fand ich das Kapitel nur mäßig gut. Die ersten Beiträge haben mir nichts gegeben, vielleicht auch, weil Sex für mich einfach kein so großes Thema im Leben ist. Besonders blöd fand ich den Beitrag zum hessischen Dialekt, und dass der nicht sexy sei. Die späteren Beiträge z.B. zur Bundespräsidentengattin oder zu Sexboykotten fand ich dagegen anregend. 

  • Feminismus

Im zweiten Kapitel haben wir sieben Beiträge von 2015 bus 2018. Es geht dabei vor allem um Einordnungen des Begriffs Feminismus, verschiedene Strömungen, und wer jetzt eigentlich Feministin sein darf und wer nicht. Ich fand diese Beiträge auf jeden Fall ansprechender als im ersten Kapitel, auch wenn jetzt für mich nichts fundamental Neues dabei war. Es ist aber eine interessante kleine Zeitkapsel, so welche Themen wann diskutiert wurden.

  • Bekloppte Zustände

Die acht Artikel in Kapitel 3 stammen von 2012 bis 2018 und versammeln die Meinung der Autorin zu verschiedensten Themen. Es geht um die Jagd nach der Identität von Elena Ferrante, Politiker, die mal wieder einen Realitätscheck bräuchten, den G20-Gipfel in Hamburg und vieles mehr. Dadurch wirkt es etwas eklektisch, und wenn ich der Meinung der Autorin auch in vielen Bereichen zustimme, weiß ich nicht, ob so eine Restkategorie als Kapitel in einem Buch Sinn macht.

  • Männer

In diesen acht Artikeln von 2013 bis 2018 geht es nun um das starke Geschlecht, die Männer. Es geht um den Weihnachtsmann, die Privilegien für Mittelmäßigkeit, Penisse und die Me-Too-Bewegung. Auch hier war es wieder durchwachsen, manche Beiträge haben mir aber sehr gut gefallen. Einiges ist einfach sehr in der Zeit und den Debatten verankert, über die sie erschienen sind. Aber mag aber die kleinen Verweise auf Kommentare und die generelle Rezeption der Artikel an manchen Stellen.

  • Bauch, Beine, Po

In neun Artikeln aus den Jahren 2012 bis 2017 geht es schließlich um weibliche Körper. Das ist ein Thema, das für mich immer gleichzeitig besonders spannend und langweilig ist, denn dazu forsche ich selbst. Daher kann ich meistens in der Populärliteratur nicht Neues dazu lernen, gleichzeitig aber interessiert mich, wie bestimmte Themen für Nicht-Wissenschaftlerinnen heruntergebrochen werden. In dem Sinne war auch dieses Kapitel langweilig und interessant für mich. Besonders schrecklich fand ich den einen Kommentar von einem männlichen Journalist zu diesen Themen... da sieht man eben, dass große Teile der Welt von einem positiven Umgang mit Körpern nichts halten will.

  • Gewalt

Kapitel 6 besteht aus acht Artikeln aus den Jahren 2015 bis 2018 und beschäftigt sich mit dem Thema Gewalt gegen Frauen. Die Beiträge stammen damit zum Teil aus der Zeit vor MeToo, und sind dann vor allem zu diesem Thema geschrieben. Dieses Thema gibt mir persönlich immer noch unglaublich viel Bauchweh, weil man hier für mich am deutlichsten sieht, dass Frauen nach wie vor Menschen zweiter Klasse sind. Jeder neue Mord wirft die gleiche Täter-Opfer-Umkehr auf, warum war sie nachts allein im Park, warum hatte sie das an, warum warum? Das wird in den einzelnen Beiträgen natürlich angeprangert und andiskutiert.

  • Für Rechte

Die acht Artikel aus den Jahren 2014 bis 2017 in diesem Kapitel beschäftigen sich erwartbar mit den vier großen rechtlichen Themen: trans- und non-binary-Rechte, Abtreibungsgesetze, Ehe für alle und der rechtliche Schutz bei sexualisierter Gewalt. Glücklicherweise haben wir in all diesen Bereichen inzwischen Fortschritte gemacht, aber der Weg ist lang und der Blick in andere Länder zeigt, wie schnell die Rolle rückwärts hier geht. Daher vielleicht eher ein deprimierendes Kapitel.

  • Gegen Rechte

Wenig überraschend beschäftigen sich diese sechs etwas längeren Beiträge von 2015 bis 2018 mit der erstarkenden Rechten in Deutschland - zunächst PEGIDA (oh Gott, hatte ich das schon gut verdrängt), und dann AfD. Gleichzeitig geht es natürlich auch um Flüchtlinge und vor allem um die Instrumentalisierung von Frauen als etwas, das für ebenjenen geschützt werden muss. Auch hier habe ich jetzt nix Neues für mich entdeckt, eher die ganzen feinen Sachen, über die ich an einem Sonntagnachmittag lieber mal nicht nachdenken will.

  • Medien und Diskurs

Vom Titel her spricht mich dieses Kapitel wirklich am wenigsten an. Es sind sechs Beiträge von 2016 bis 2018, die sehr unterschiedlich auf Medien schauen. Einige fand ich tatsächlich ziemlich gut, wie das Interview im Tierhimmel, wo verschiedene Tiere zusammenkommen, die aus Gründen von Menschen getötet wurden (oder gerade nicht). Auch der Beitrag zu den Beschreibungen von erfolgreichen Frauen, die irgendwie immer "überraschend zierlich" sind, fand ich sehr anregend.

  • Für die Zukunft

Das letzte Kapitel besteht aus sechs Beiträgen aus den Jahren 2013 bis 2018 und ist wieder ein Sammelsurium an Themen, die auch eher schlecht als recht zur Übersicht passen. Bei manchen Beiträgen war mir völlig unklar, was sie in dem Buch machen (wie der erste zur Kettensägennutzung), bei anderen war schon eher ein Bezug herstellbar. Richtig Zukunft kam mir aber irgendwie nirgendwo hier auf.

So, da haben wir es. Insgesamt bin ich jetzt kein Riesenfan dieses Buches, aber einige Artikel waren schon ganz spannend. Ich habe nicht viel Neues gelernt, aber ein paar kleine Sachen hier und da. Manches war für mich als Bezug irgendwie schon so veraltet, dass ich mich nicht daran erinnere... Die Pandemie hat da sicher viel beigetragen. Daher würde ich das Buch nicht brennend empfehlen, aber wenn ihr es schon im Regal habt, ist es auch flott weggelesen und tut nicht weh.

Bis bald,
Eure Kitty Retro





Meine Bewertung:



 

Montag, 29. Mai 2023

Disability Visibility


Hallo meine Lieblingsleser,

heute möchte ich euch ein Non-Fiction Buch vorstellen, dass schon zum Asian Readathon passt, weil die Editorin eine asiatisch-amerikanische Aktivistin ist, die sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung einsetzt. Allerdings ist das Buch selbst eine Sammlung von Essays, die für den US-amerikanischen und britischen Raum sehr viele diverse Stimmen abbildet.

Die Fakten:

  • Editor: Alice Wong
  • Titel: Disability Visibility
  • Erschienen: 2020
  • Verlag: Vintage
  • Seiten: 275 + Anhang
  • Preis: 13,49 Euro
  • Klappentext: "One in five people in the United States lives with a disability. Some are visible, others less apparent - but all are underrespresented in media and popular culture. Now, just in time for the thirtieth anniversary of the Americans with Disabilities Act, activist Alice Wong brings together this urgent, galvanizing collection of contemporary essays by disabled people. From Harriet McBryde Johnson's account of her debate with Peter Singer over her own personhood to original pieces by authors such as Keah Brown and Haben Girma; from blog posts, manifestos, and eulogies to congressional testimonies, and beyond: this anthology gives a glimpse into the rich complexity of the disabled experience, highlighting the passions, talents, and everyday lives of this community. It invites readers to question their own understandings. It celebrates and documents disability culture in the now. It looks to the future and the past with hope and love."

Ich werde jetzt auf die einzelnen Essays eingehen und dann am Ende meine Gesamteinschätzung des Buches kurz zusammenfassen. Entschuldigt bitte, dass es ein langer Text geworden ist, aber es sind wirklich einige Essays hier zusammengetragen, und ich wollte mir die Zeit nehmen, euch einen umfassenden Einblick in die Themen des Buches zu geben.

Meine Meinung zu den einzelnen Essays:

  • Unspeakable Conversations
In diesem ersten Essay von Harriet McBryde Johnson erzählt uns diese hochgebildete Aktivistin für die Rechte von behinderten Menschen von einer andauernden Diskussion, die sie mit einem Philosophen hatte, der sich für ein Recht von Eltern einsetzt, ihre Kinder mit Behinderung töten lassen zu können. In diesem Essay schreibt sie darüber, wie absurd es ist mit einem an sich nicht unsympathischen Menschen auf einem intellektuellen Level zu diskutieren, ob es Menschen wie sie überhaupt geben sollte. Das Essay und die Debatten stammen aus den frühen 2000ern, als das scheinbar gerade ein großes Thema in den USA war. Es ist sehr gut und anschaulich geschrieben und fängt die Ambivalenz, die Harriet McBryde Johnson gegenüber diesem Philosophen empfunden hat, perfekt ein.
  • For Ki'tay D. Davidson, Who Loves Us
Bei diesem Beitrag von Talila A Lewis handelt es sich um den Nachruf auf den Schwarzen Trans-Mann Ki'Tay D Davidson, der sich neben anderen auch für die Rechte von behinderten Menschen einsetzte. Der Beitrag zelebriert das Leben und Wirken des Aktivisten, sowie seine besondere Art allen anderen Menschen mit Sympathie und Liebe entgegenzutreten, selbst wenn man nicht einer Meinung war. Mich macht es immer traurig jemanden über einen geliebten Menschen sprechen zu hören, der nicht mehr da ist, und so war es auch hier.
  • If You Can't Fast, Give
Dieses kurze Essay von Maysoon Zayid beschäftigt sich mit dem religiösen Fasten während des Ramadan, und welche Bedeutung dies für die Autorin hatte. Ich mochte diesen Blickwinkel, weil es für mich eine völlig neue Perspektive auf den Fastenmonat war. Letztlich fordert Maysoon Zayid ihre muslimischen Mitmenschen, die aus körperlichen oder gesundheitlichen Gründen nicht fasten können, im Geiste und möglichst finanziell durch Spenden an Bedürftige diese religiöse Tradition dennoch zu unterstützen und keine Scham dafür zu empfinden, dass ihnen das Fasten nicht möglich ist.
  • There's A Mathematical Equation That Proves I'm Ugly - Or So I learned in My Seventh-Grade Art Class
In diesem Essay von Ariel Henley spricht die Autorin über einen Vorfall in ihrer Schulzeit. Im Kunstunterricht behandelt die Klasse den goldenen Schnitt und verschiedene mathematische Vorstellungen zu Schönheit. Die Autorin selbst hat ein Gesicht, das diesen Vorstellungen nicht entspricht, worauf sie auch promt von einem Mitschüler hingewiesen wird. Sie schreibt dann weiter darüber, wie es ist, wenn man mit dem Wissen aufwächst, dass man als hässlich wahrgenommen wird. Für mich war diese Geschichte vor allem herzzerreißend, weil Ariel Henley in den Momenten, die sie beschreibt, so jung war. Ich kann mir die emotionale und psychische Belastung, die sie erlebt hat, gar nicht vorstellen. Der Kunstlehrerin gelingt es schließlich, Ariel Henley eine neue Perspektive auf ihr Aussehen zu eröffnen.
  • The Erasure of Indigenous People in Chronic Illness
Dieses Essay von Jen Deerinwater ist mit sehr viel Wut geschrieben, die man schnell nachfühlen kann. In dem Beitrag geht es um die medizinische Behandlung von indigenen Personen in den USA, wobei sich ähnliche Erlebnisse sicher auch in vielen anderen Gegenden der Welt finden lassen. Es beginnt allein schon damit, dass auf den Fragebögen von Ärzten und Krankenhäusern meist kein Platz für die Selbstbezeichnungen der indigenen Personen ist, sondern diese Begriffe wie "American Indian" ankreuzen müssen oder schlimmstenfalls gar keine Option für sie existiert. Darüber hinaus geht es dann aber um die Stigmatisierung und Diskriminierung im Medizinsystem, z.B. wenn sich Pfleger weigern Schmerzmittel an indigene Patienten zu geben. Auch die systematische Benachteiligung bei der Finanzierung von Gesundheitseinrichtungen für indigene Menschen werden thematisiert.
  • When You Are Waiting to Be Healed
Dieser Beitrag von June Eric-Udorie wird nicht die US, sondern Großbritannien betrachtet. Es geht vor allem darum, wie durch den Glauben der Familie der Autorin, die nigerianische Wurzeln hat, für sie lange Zeit undenkbar war, dass sie eine Behinderung hat. Stattdessen wurde ihr immer wieder gespiegelt, dass sie nur genug Beten muss und dann wird Gott sie heilen. Als sie das erste Mal darauf angesprochen wird, ob sie offiziell den Status einer Behinderung beantragen will, ist sie fassungslos, denn eine Behinderung ist für sie etwas Permanentes, und nichts was Heilung bedarf. Ich fand diesen Blick auf Religion und Behinderung sehr spannend, da in diesem Schnittbereich so viel Stigmatisierung und auch sogenannte "falsche Helfer", die nur selbst Profit schlagen wollen, lauern. Auch hatte ich vorher noch nie von Nystagmus gehört und habe damit auch noch mehr Neues gelernt.
  • The Isolation of Being Deaf in Prison
Dieses Essay von Jeremy Woods wurde von Christie Thompson niedergeschrieben. Jeremy Woods ist gehörlos und war für vier Jahre in einem amerikanischen Gefängnis. In dem Essay beschreibt er, welche enormen Schwierigkeiten und welche Isolation mit dieser Erfahrung verbunden waren. Es ist wenig überraschend, wie schrecklich das US-Gefängnissystem ist, und trotzdem immer wieder hart zu lesen. So wurde Jeremy Woods immer wieder ein Gebärdensprachen-Übersetzer verweigert. Als es schließlich Krebs diagnostiziert bekam, konnte er mit niemandem darüber kommunizieren. In Anhörungen wurden seine Hände gefesselt, sodass er nicht per Gebärdensprache kommunizieren konnte, und sein Schweigen wurde dann als Geständnis gewertet. Auch werden gehörlose und blinde Personen scheinbar häufig zusammen untergebracht, sodass eine Kommunikation für beide Seiten absolut unmöglich ist.
  • Common Cyborg
Nach dem letzten Essay fand ich diesen recht langen Beitrag von Jillian Weise dann ein bisschen unterwältigend. Es geht dabei um Menschen, die aufgrund von Behinderungen Prothesen benutzen, in kurz Cyborgs. Dabei wird auch ein klarer Schnitt zu Menschen gezogen, die technische Implantate etc. nur nutzen, weil sie sich dann cool und zukünftig fühlen. Insgesamt ist hier aber leider nicht so viel für mich hängen geblieben, was vielleicht aber auch an der Zeit lag, als ich das Essay gelesen hatte.
  • I'm Tired of Chasing a Cure
Dieses Essay von Liz Moore fand ich sehr beeindruckend, denn sie spricht von der Ambivalenz zwischen Selbstakzeptanz als Person mit Behinderung und dem Wunsch nach Linderung oder Heilung. Als Person mit chronischen Schmerzen kann sie den Wunsch nach einem Leben ohne Schmerz nicht völlig ablehnen. Sie spricht von Zeiten, in denen bestimmte Medikamente kurzzeitig dazu führten, dass sie schmerzfrei war, und wir sie dann fast gestorben ist bei dem Versuch dies langfristig zu replizieren. Sie spricht davon, wie man so schnell vergisst, wie das Leben ohne Schmerzen ist - und wie das Leben mit Schmerzen ist. Mit meiner chronischen Migräne konnte ich das ein klein wenig nachvollziehen. Dennoch sagt sie, dass sie ihr Leben leben will, ohne jeden Tag nach dem Heilmittel zu suchen, denn sonst zieht ihr Leben einfach nur an ihr vorbei.
  • We Can't Go Back

Dieser Beitrag ist ein Statement, das 2012 vor dem US-Senat vorgetragen wurde. Darin geht es um einen Appell, dass Menschen mit Behinderung nicht mehr in Institutionen und auf Stationen leben sollten, sondern innerhalb von Communities Platz finden müssen. Der Vortragende Ricardo T Thornton Sr beschreibt auf eindrückliche Weise, dass Menschen lernen und über sich hinauswachsen können, wenn sie in einer förderlichen Umgebung sind  mit anderen Menschen, die an sie glauben. Daher auch der Titel: zurück in das von der Gesellschaft weggeschobene Leben in Einrichtungen können Menschen mit Behinderung nicht zurück, denn dort gibt es keinen Platz für echtes Leben.

  • Radical Visibility
Hierbei handelt es sich wieder um einen längeren Beitrag von Sky Cubacub. Die längeren Essays sind für mich hier irgendwie meist die schwächeren. Dabei ist die Grundidee nicht uninteressant. Sky Cubacub hat ein Modelabel gegründet, dass sich an Menschen mit Behinderung, trans* und non-binäre Personen und Personen mit hohem Körpergewicht richtet. Diese sollen mit farbenfrohen Designs mit starken geometrischen Mustern loud and proud mit ihrer Mode ihr Leben feiern. Es war nur einfach ein wenig zu langgezogen für mich.
  • Guide Dogs Don't Lead Blind People. We Wanders as One.
In diesem Essay berichtet Haben Girma von ihrer Erfahrung als blinde Person. Als sie aufs College gehen wollte, war sie sehr unsicher, ob sie sich zurechtfinden würde, und wollte daher einen Blindenhund. Sie bekam dann aber den Rat, dass der Blindenhund nur wirklich hilft, wenn sie auch allein klarkommen würde, was sie sich dann mit viel Training beigebracht hat. Sie betont, dass der Hund nicht ihr Führer ist, sondern sie dem Hund immer noch sagen muss, was er tun soll, wohin er gehen soll. Er kann eben nur Hindernisse besser sehen oder hören - wie mit dem Hindernis umgegangen wird, weiß er nicht. Ein spannendes Interview der Autorin: https://www.youtube.com/watch?v=MOw8CgbFiuY
  • Taking Charge of My Story as a Cancer Patient at the Hospital Where I Work

Dieses Essay erzählt davon, wie Diana Cejas in sehr jungen Jahren einen Schlaganfall erlebte und bei ihr ein sehr seltener Krebs gefunden wurde. Sie selbst war gerade in ihrer Ausbildung zur Ärztin in diesem Krankenhaus, in dem sie dann auch behandelt wurde. Nach ihrer Rückkehr und in Verbindung mit den bleibenden Folgen des Schlaganfalls und den Narben ihrer OPs wird sie wie ein bunter Hund - alle scheinen ihren Fall zu kennen, teilweise haben sie sie in ihrem schlimmsten Momenten erlebt, an die sie sich selbst nicht erinnern kann. Sie spricht dann davon, wie der offene Umgang mit ihrer Geschichte nicht nur dazu geführt hat, dass sie sich nicht mehr so preisgegeben fühlte, sondern sie auch andere Menschen fand, die ähnliche Geschichte zu erzählen hatten.

  • Canfei to Canji - The Freedom of Being Loud
Ich schätze es an diesem Buch sehr, wie vielseitig die Perspektiven auf das Thema Behinderung sind. So haben wir hier die Sichtweise der asiatischen Amerikanerin Sandy Ho, deren Eltern vietnamesische und chinesische Wurzeln haben. Sie spricht darüber, wie einige Verwandte ihren Eltern geraten hatten, sie nach der Geburt aufzugeben, da sie im Sinne des Wortes Canfei nur eine Last wäre. Ihre Eltern haben dies nicht getan, aber die Kluft zwischen den ostasiatischen Werten und der amerikanischen Lebensrealität für Menschen mit Behinderung war dadurch nicht automatisch überbückt.
  • Nurturing Black Disabled Joy
Die Autorin dieses Beitrags Keah Brown hat auch ein ganzes Buch geschrieben (The Pretty One), das ich gern lesen möchte. Hier berichtet sie über die Reaktionen auf ihr Buch und warum sie es geschrieben hat. Zentral darin ist das Streben und das Verlangen nach Freude am Leben. Sie reflektiert, dass in unserer Gesellschaft die Einstellung vorherrscht Menschen mit Behinderungen können keine wirkliche Freude im Leben empfinden - und das will sie auf den Kopf stellen, indem sie jeden Tag nach Freude sucht und sie meistens auch findet.
  • Last but Not Least - Embracing Asexuality
Dieses Essay von Keshia Scott hat mir sehr gut gefallen, da es die Frage nach Asexualität und Behinderung aufwirft. Im Buch ACE über Asexualität wird dieses Thema auch angeschnitten - die Vorstellung, dass Menschen mit Behinderung keine sexuellen Gelüste haben (oder aber in seltenen Fällen eine Übersexualisierung). Als Keshia Scott das erste mal mit dem Label in Berührung kommt, erlebt sie große Abneigung aufgrund der damit verbundenen Stereotype, aber eine tiefergehende Recherche zeigt, dass sie tatsächlich asexuell ist - und das nicht aufgrund ihrer Behinderung, aber eben einfach so.
  • Imposter Syndrome and Parenting with a Disability
Für mich ist dieses Essay von Jessica Slice noch ein ganz wichtiger Beitrag in diesem Buch. Jessica Slice spricht darüber, dass sie sich aufgrund ihrer Behinderung manchmal nicht wie eine richtige Mutter fühlt. Sie hat einen Sohn mit ihrem Mann adoptiert, und während sie die ersten Monate gut allein für ihn sorgen konnte, braucht sie mehr und mehr Hilfe, je mobiler das Kleinkind wird. Aufgrund unserer sehr festgefahrenen gesellschaftlichen Vorstellungen, wie eine Mutter zu sein und zu handeln hat, sind viele Mütter sicherlich in einer ähnlichen Lage des "nicht genug Seins und Tuns". Das sollte sich dringend ändern!
  • How to make a Paper Crane from Rage
Dieses Essay von Elsa Sjunneson beschäftigt sich mit Wut und dem Ausdruck, dem wir ihr geben. Ich mochte den Schreibstil mit den Einschüben zu Origami. Ich mochte die Idee, dass die Wut nicht nach außen gewendet wird, sondern über Vulnerabilität dazu genutzt wird, sich Gehör zu verschaffen. Letztlich geht es darum, dass die Gesellschaft einen als Menschen sieht.
  • Selma Blair Became a Disabled Icon Overnight. Here's Why We Need More Stories Like Hers.

In diesem Essay schreibt Zipporah Arielle über die Schauspielerin Selma Blair, die in Eiskalte Engel und Natürlich Blond zu sehen ist. In 2018 hat sie bekannt gegeben, dass sie an Multipler Sklerose erkrankt ist. Sie benutzte auf dem roten Teppich einen Gehstock und dieser Fakt sowie ihr weiteres öffentliches Auftreten werden hier diskutiert. Es geht vor allem darum, wie wichtig solche Stars sind, die einerseits das öffentliche Interesse an Behinderung und chronischer Erkrankung erhöhen können, und gleichzeitig verschiedene Aspekte, die damit einhergehen, z.B. den Gehstock oder andere Mobilitätshilfen, normalisieren.

  • Why My Novel Is Dedicated to My Disabled Friend Maddy

Dieses Essay von A H Reaume hat mir besonders gut gefallen. Es geht darin um zwei Menschen, die sich zufällig auf einem Event begegnen und beide Erfahrungen mit Verletzungen des Gehirns haben. Beide sind dadurch in ihrem Handeln auf bestimmte Weise eingeschränkt - zum Beispiel durch eine Verkürzung der Zeit, die man auf einen Bildschirm starren kann. Doch beide finden, dass sich ihre Einschränkungen gut ergänzen, sodass sie letztlich gemeinsam den Roman der Autorin beenden konnten. Dieser Blick auf Kollaboration war sehr inspirierend.

  • The Antiabortion Bill You Aren't Hearing About

Dieses Essay von Rebecca Cokley ist inzwischen gleichzeitig veraltet und wichtiger denn je. Nachdem Roe v Wade in Amerika gekippt wurde, sind die Rechte auf Abtreibung und reproduktive Gesundheit so eingeschränkt wie seit Jahrzehnten nicht. In diesem Essay geht es um ein Gesetz, dass es in Texas verboten hätte, Kinder aufgrund von Behinderungen, die in der Frühdiagnostik erkennbar sind, abzutreiben. Die Autorin beschreibt, dass es sich bei diesem Thema um eine komplexe Diskussion handelt, hier aber im Vordergrund steht, dass Kinder mit Behinderung nur genutzt werden um die abtreibungsfeindliche Agenda der Republikaner zu pushen und viele andere Gesetze zeigen, dass ihnen nicht an Menschen mit Behinderung liegt.

  • So. Not. Broken.

In diesem Essay schreibt Alice Sheppard über die vermeintliche Binarität von "heil" und "kaputt". Sie ist Tänzerin und schreibt darüber wie ihre Mobilitätshilfen für sie Teil ihres Körpers sind, die sie zum Ausdruck und zur Erschaffung von Kunst nutzt.

  • How a Blind Astronomer Found a Way to Hear the Stars

Dieser Beitrag ist ein TED Talk von Wanda Díaz-Merced. Die verschriflichte Form war für mich zwar interessant, aber da es hier auch im Töne geht, ist der tatsächliche Beitrag als Video noch spannender: https://www.youtube.com/watch?v=-hY9QSdaReY Es ist ein spannender Vortrag, der zeigt, wie Menschen mit Behinderung zu wissenschaftlichem Fortschritt führen können.

  • Incontinence Is a Public Health Issue - And We Need to Talk About It

Dieses Essay von Mari Ramsawakh war für mich besonders interessant, weil es einen Teil von körperlicher Einschränkung zentriert, über den ich noch nicht nachgedacht hatte: Inkontinenz. Wie im Essay beschrieben wird, verbinden wir Inkontinenz mit Kleinkindern und alten Menschen, die Pflege brauchen. Manchmal tauchen noch traumatisierte Kinder dabei auf. Doch im Sinne von Inkontinenz aufgrund einer Behinderung wird selten bis nie berichtet. Die gesundheitliche Risiken, die mit dem Stigma von Inkontinenz einhergehen, werden hier sehr deutlich herausgearbeitet, wodurch es für mich auch gut an meine Forschung anknüpft.

  • Falling/Burning - Hannah Gadsby, Nanette, and Being a Bipolar Creator

In diesem Essay schreibt Shoshana Kessock über das Komedie-Programm Nanette von Hannah Gadsby (könnt ihr auf Netflix schauen), in dem die Idee von "Leiden für die Kunst" kritisch hinterfragt wird. Diese Idee, dass vor allem Künstler mit psychischen Krankheiten besondere Kunst kreieren und durch Medikation diesen Zugang zu ihrem schaffenden Selbst verlieren und deswegen lieber leider und schaffen sollten, haben wir sicher alle schon einmal gehört. In diesem Essay geht es um die persönliche Erfahrung, die Shoshana Kessock damit gemacht hat.

  • Six Ways of Looking at Crip Time

Dieses Essay beschäftigt sich mit Zeit, was ich wahnsinnig faszinierend finde. Ich habe schon im Studien ein paar Hausarbeiten über Zeit geschrieben, denn es ist ein spannendes soziales Konstrukt. Im Besonderen geht es hier nach Ellen Samuels um Crip Time, also eine spezielle Zeit, die Menschen mit Behinderung und chronischen Krankheiten erleben. Es werden positive und negative Aspekte davon betont, und ich mochte diese sehr differenzierte Sichtweise auf die Bedeutung von Zeit in diesem Kontext.

  • Lost Cause

Reyma McCoy McDeid ist ein hoffnungsloser Fall laut ihrem Großvater, der kein Problem damit hat fremde gesunde weiße Kinder aufzuziehen, aber sein eigenes Enkelkind aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres Autismus dem Staat überlässt. Dieses Essay behandelt, wie solche Sätze sich als selbsterfüllende Prophezeihung in unser Leben brennen können - und wie wir darüber hinauswachsen können. So hat Reyma McCoy McDeid schließlich ihren eigenen hoffnungslosen Fall gefunden und zu einem Erfolg gemacht.

  • On NYC's Paratransit, Fighting for Safety, Respect, and Human Dignity

Die Essays in diesem Band haben meistens Content Warning - bei diesem Essay gibt es keine, und dabei ist es für mich definitiv eins der verstörendsten im ganzen Buch. Britney Wilson ist Anwältin und für ihren Arbeitsweg auf das Paratransit-System für Menschen mit Behinderung in New York angewiesen, weil so viele andere öffentliche Verkehrsmittel nicht barrierefrei sind. Sie beschreibt, wie sie als Anwältin gegen die unsinnigen Regeln und Vorschriften dieses Systems kämpft, und am Ende bschreibt sie einen besonders krassen Fall von Diskriminierung und Grenzüberschreitung, den sie mit einem Fahrer erlebt hat. 

  • Gaining Power through Communcation Access

Dieser Beitrag war ein Interview, dass die Editorin des Buches mit einer Person gehalten hat, die technische Assistenzsystem zur Kommunikation nutzt. Ich fand das Interview selbst etwas redundant und nicht ganz so gehaltvoll wie viele andere Beiträge, zumal der Interviewstyle etwas davon weggeht, dass die Personen frei von der Leber weg schreiben können, was sie möchten, aber das Gedicht am ölerEnde hat mir sehr gut gefallen.

  • The Fearless Benjamin Lay - Activist, Abolitionist, Dwarf Person

In diesem Essay von Eugene Grant geht es um die historische Persönlichkeit Benjamin Lay des 17. und 18. Jahrhunderts. Ich kannte ihn nicht, aber ich kenne mich leider auch mit britischer Geschichte sehr wenig aus. Benjmain Lay war allerdings nicht nur politisch engagiert, um Menschenrechte zu verbreiten, sondern er war auch kleinwüchsig. Im Essay wird dann diskutiert, wie wertvoll und wichtig es ist, dass in geschichtlichen Beiträgen zu dieser Person auch erwähnt wird, dass sie Körpernormen nicht erfüllt hat, und dass dieser Fakt auch das politische Wirken beeinflusst hat.

  • To Survive Climate Catastrophe, Look to Queer and Disabled Folks

Dieser Beitrag von Patty Berne (niedergeschrieben von Vanessa Raditz) diskutiert, dass die Folgen von Klimakatastrophen besonders marginalisierte Gesellschaftsgruppen, allen voran Personen mit Behinderung und chronischen Erkrankungen, treffen. (Gesehen hat man das auch bei anderen Katastrophen wie der Pandemie.) Dabei zeigen dann Beispiele aus diesen Gruppen, wie sich Menschen zusammentun und Hilfe organisieren können, um Menschenleben zu retten, und welches Potential darin für die ganze Menschheit steckt.

  • Disability Solidarity - Completing the "Vision for Black Lives"

Das Harriet Tubman Collective kritisiert in diesem Beitrag die Auslassung von Menschen mit Behinderung in den Texten und Proklamationen der Black Lives Matter-Bewegung. Gerade vor dem Hintergrund, dass in den Schwarzen Communities in Amerika besonders viele Menschen mit Behinderung und chronischen Krankheiten existieren, erscheint das ein ernstzunehmendes Problem. Ziel ist es, dass auch diese Gruppe als eine Stimme in die Bewegung eingeht.

  • Time's Up for Me, Too

Dieses Essay von Karolyn Gehrig beschäftigt sich mit sexueller Gewalt, und wie schwierig es vor allem für Personen mit Behinderung, die besonders häufig Opfer von (sexueller) Gewalt werden, ist dagegen vorzugehen. Dabei kommen Aussagen wie: "Eine Jury wird nicht glauben, dass ein Ehemann seine behinderte Frau missbrauchen würde". Ein sehr sehr wichtiges Thema. Die vielen Bezüge zu Shape of Water waren für mich insofern schwierig, weil der Film vor so langer Zeit herausgekommen ist und bei mir davon nicht viel hängen geblieben war...

  • Still Dreaming Wild Disability Justice Dreams at the End of the World

In diesem Essay beschreibt Leah Lakshmi Piepzna-Samarasinha verschiedene Träume und Utopien, die sie für die Behindertenbewegung hat. Es ist eine Aktualisierung von einem früheren Beitrag, was es für mich etwas schwierig gemacht hat, weil ich den ersten Beitrag nicht kannte. Aber der Bezug zu dem Trauma der Trump-Präsidentschaft, die noch aktiv war, während das Buch entstanden ist, wird hier gut eingefangen und in positive, hoffnungsvolle Gedanken transformiert.

  • Love Means Never Having to Say... Anything

Dieses Essay von Jamison Hill fand ich sehr berührend, obwohl ich eigentlich kein sehr romantischer Mensch bin. Hier geht es um die Liebe, und was Liebe braucht. Was sie laut dem Essay nicht braucht, ist die Fähigkeit zu sprechen. 

  • On the Ancestral Plane - Crip Hand-Me-Downs and the Legacy of Our Movement

Dieses Essay von Stacey Milbern beschäftigt sich mit der Idee von Vorfahren, und dass diese Vorfahren keine Blutsverwandten sein müssen. Außerdem diskutiert sie die Idee, dass nicht nur wir heute von unseren Vorfahren lernen, sondern dass auch unsere Vorfahren durch uns weiter lernen. Ich mochte diesen Blickwinkel sehr und fand das Essay sehr eindrücklich.

  • The Beauty of Spaces Created for and by Disabled People

In diesem letzten Beitrag schreibt s.e. smith von einer Tanzaufführung von Menschen mit Behinderung für Menschen mit Behinderung, und wie das Schaffen von solchen Orten, wo eine Community zusammenkommen und einfach für ein paar Stunden sein kann, ein wichtiges und schwieriges Unterfangen ist. Mir hat diese Diskussion am Ende des Buches gut gefallen.

Darüber hinaus bietet das Buch noch kurze Biographien der Autoren und eine Leseliste mit vielen Vorschlägen, wie man sich weiter in das Thema vertiefen kann. Alles in allem kann ich das Buch nur empfehlen, auch wenn es sehr auf die USA und in wenigen Essays Großbritannien fokussiert bleibt.

Bis bald,
Eure Kitty Retro





Meine Bewertung:



Sonntag, 5. Juni 2022

Heimat

Hallo meine Lesemäuse,

heute möchte ich euch ein neues Lieblingsbuch von mir vorstellen. Ich habe es zu Ostern geschenkt bekommen und hab es mehr oder weniger direkt angefangen zu lesen. Dann hat es aber in meine Lesepläne eine Weile nicht reingepasst. Jetzt habe ich es aber endlich beendet und bin sehr glücklich.

Die Fakten:

  • Autor: Nora Krug
  • Titel: Heimat - A German Family Album
  • Erschienen: 2018
  • Verlag: Penguin Books
  • Seiten: 288
  • Preis: 15,99 Euro
  • Klappentext: "Nora Krug grew up as a second-generation German after the end of the Second World War, in the shadow of her country's past. After leaving Germany for the US, she decided she couldn't know who she was without confronting where she'd come from. In Heimat, she documents her journey investigating the lives of her family members under the Nazi regime, visually charting her way back to a country still tainted by war. Beautifully illustrated and lyrically told, Heimat is about identity, history and home."

Zur Handlung: Nora Krug wandert für ihre Karriere nach Amerika aus. In dieser anderen Welt, in der man einfach so auf einer Dachterasse Überlebende aus Konzentrationslagern treffen kann, spürt sie das erste Mal, wie sehr der Zweite Weltkrieg ihre Familie und das, was sie über ihre Familie weiß, beeinflusst hat. Sie spürt das klaffende Loch, das durch kollektives Schweigen entstanden ist. Und sie beginnt sich Fragen zu stellen. Was haben ihr Großvater, ihre Großmutter, ihr Onkel während des Dritten Reichs gemacht? Waren sie Anhänger oder Mitläufer? Haben sie Juden in Schuppen hinterm Haus versteckt? 

Sie begibt sich auf die Reise in die Vergangenheit und gleichzeitig in die Heimat, die sie bisher nie richtig kennen konnte. Sie trifft entfremdete Familienmitglieder, fragwürdige Expert*innen und Verwaltungsangestellte. Langsam puzzlet sie zusammen, was ihre Familie erlebt hat und wie dies auch Noras Leben am Ende geprägt hat.

Dieses Buch hat mich direkt in den Bann gezogen, denn ich versuche seit Jahren meine Großeltern dazu zu bekommen, dass sie mit mir ihr Wissen teilen, bevor es zu spät ist. Ich möchte wissen, woher ich komme, wer meine Familie war, und wer daraus folgend ich geworden bin. Das ist für mich besonders interessant, da ich zumindest für die Hälfte meiner Familie der letzte Ast im Stammbaum sein werde. Wer wird sich dann noch zurückerinnern?

Nora Krug tritt diesen Kampf gegen das Schweigen und das Vergessen an. Sie will sich nicht damit zufriedengeben, dass ihr niemand bereitwillig Antworten gibt. Das habe ich direkt bewundert, denn als Deutsche ist der Umgang mit der familialen Vergangenheit natürlich immer schambehaftet und schwierig. Dürfen wir fragen? Sollten wir fragen? Müssen wir vielleicht sogar fragen? Dabei fand ich auch die Unterschiede zwischen meiner Situation und der der Autorin spannend - sie ist westdeutsch, ich bin ostdeutsch. Ihre Großeltern haben den Krieg erlebt, bei mir waren es dir Urgroßeltern. Und doch ist das Gefühl, wenn ich dieses Buch aufschlage, eins des Gesehenwerdens.

Die Autorin schafft es, viele meiner Gedanken und Gefühle in dieses Buch zu packen. Auch meine Reaktionen auch manche ihrer Rechercheergebnisse waren genau wie die von ihr beschriebenen. Dabei schwingt so sehr diese Hoffnung auf Absolution mit - dass der Großvater kein Nazi war und man selbst daher etwas weniger Schuld trägt. Gleichzeitig weiß die Autorin, dass das Quatsch ist. Einige Situationen sind auch fast schon skurril - wie als der Vater das Grab seines ihm unbekannten großen Bruders auf einen Friedhof findet, während die Familie im Italienurlaub ist.

Es gelingt in diesem Buch, die Komplexität von Familie wiederzuspiegeln. Gerade die Situation des Vaters - nach dem Krieg geboren und quasi von der Familie verstoßen, weil er nicht wie der tote große Bruder war - zeigt auch, wie Familien brechen und wie so ein Bruch durch die Generationen geht. Aber auch die komplexen Gefühle zu unseren Familienangehörigen, die wir uns nicht aussuchen konnten, die wir aber trotzdem irgendwie respektiven und vielleicht lieben können wollen, finden sich hier wundervoll.

Optisch ist das Buch grandios. Alles ist graphisch aufbereitet, mal im eher im Comic-Stil, mal unter Einbezug alter Fotos, manchmal fast schon als Kunstwerk. Das Buch hat für einen Graphic Novel recht viel Text, aber alles passt wundervoll zusammen. Manche Seiten habe ich einfach eine Weile angestarrt. Eingestreut finden sich zwischen den Kapiteln Seiten zu Dingen, die Emigrierte aus Deutschland vermissen, was ich sehr nachvollziehbar fand, und Seiten zu Flohmarktfunden in Bezug zum Dritten Reich, was teilweise echt gruslig war. Dadurch wird das Buch noch etwas aufgelockert.

Alles in allem hat das Buch für mich einfach funktioniert. Es wirft Fragen, Gefühle, Gedanken auf, die wir uns als Deutsche nur ganz ganz leise stellen, oder eben nie. Ich habe mich unglaublich Gesehen gefühlt, obwohl doch viele Erfahrungen bei mir anders waren als bei der Autorin. Die Aufarbeitung durch die Recherche fand ich sehr gelungen und auch nachvollziehbar dargestellt. Letztlich zeigt dieses Buch auf, dass ein Deutschland durch diesen Krieg ein anderes Land geworden ist, und wir alle nach wie vor mit diesem Erbe leben. Ob uns das bewusst ist, ist eine andere Frage. Mich hat es überzeugt.

Habt ihr von dem Buch schon gehört? Eine deutsche Ausgabe ist inzwischen auch erschienen. 

Bis bald,
Eure Kitty Retro





Meine Bewertung:



Sonntag, 8. Mai 2022

ACE - What Asexuality Reveals About Desire, Society, and the Meaning of Sex


Hallo meine Lieblingsleser,

heute kommen wir zu einem Buch, das nicht fiktional ist, sondern uns etwas über die Welt, in der wir leben, beibringen soll. Im Fokus steht dabei das Konzept von Asexualität, das viele als den Buchstaben A bei LGBTQIA+ kennen. Das Buch geht allerdings darüber hinaus uns zu erklären, was Asexualität ist, und zu beschreiben, mit welchen Problemen asexuelle Menschen konfrontiert sind, und präsentiert uns die Idee von erzwungener Sexualität, die uns alle glauben lässt, dass Sex in bestimmten Situationen einfach sein muss.

Die Fakten:

  • Autor: Angela Chen
  • Titel: ACE - What Asexuality Reveals About Desire, Society, and the Meaning of Sex
  • Erschienen: 2020
  • Verlag: Beacon Press
  • Seiten: 188
  • Preis: 27,00 Euro (gebunden)
  • Klappentext: "Many people who hear about asexuality consider it an interesting piece of trivia: it's a little-known sexual orientation, some people identify as asexual, and they should be accepted. Next. After all, if you're not asexual, what more is there to learn? Plenty, especially because misconceptions mean that some people are asexual without knowing it. In every place that sexuality touches society, asexuality does too, and the issues that asexuals struggle with are the same issues that people of every orientation are likely to confront. How much sexual desire is a person supposed to have? What does the amount of desire we experience mean about our politics, personalities, and prospects of relationships? What should it mean? The dividing line between romance and friendship seems clear, but what is the difference when you eliminate sex? How do you work through a mismatch of sexual desire in relationships? The questions may be near universal, but the answers look different from the asexual, or ace, perspective. Aces have had to create our own way of looking at the world, offering new perspectives on identity and invisible inequalities."

Dieses Buch beschäftigt sich also einerseits damit, was Asexualität überhaupt ist und mit welchen Probleme es verbunden sein kann, andererseits will es aber auch darüber hinausgehen und auch für Personen, die nicht asexuell sind, anschlussfähig sein. Dies ist sehr ambitioniert, und das Buch hat wirklich sehr viele wichtige und gute Beiträge zur gesellschaftlichen Debatte über Sexualität und normative Zwänge in unserer (westlichen) Gesellschaft. Dennoch würde ich sagen, dass das Buch es nicht immer schafft, diese Linie zu laufen.

Das ist mir aufgefallen, als ich mir die Frage gestellt habe, ob dieses Buch nun für nicht-asexuelle Leute, sich als asexuell identifizierende Leute oder Leute, die asexuell sind aber es nicht wissen, geschrieben ist. Und irgendwie scheint es fast für alle zu sein. Die ersten beiden Kapitel waren für mich eher langweilig, denn hier beschreibt die Autorin, wie sie selber zu Asexualität gefunden hat. Daneben wird auch historisch beschrieben, wie die Bewegung dahinter begonnen hat (natürlich online). Ich glaube, das ist vor allem für asexuelle Menschen spannend, vor allem für die, die vielleicht noch nicht genau wissen, ob sie es sind, und wissen möchten, wie andere Leute sich "sicher" sein konnten.

Danach geht das Buch aber eher in eine gesellschaftliche Sichtweise, für die ich sehr offen war. Dabei wird beleuchtet, wie Asexualität mit Gender (also dem sozialen Geschlecht), Race (oder der ethnischen Herkunft) und Behinderung zusammenhängt, welche Schwierigkeiten sich in diesen Schnittstellen ergeben, und warum dies alles historisch-gesellschaftlich so geprägt ist. Diese Kapitel fand ich alle sehr interessant, wobei man herausliest, dass die Autorin als Frau und als Person mit Migrationshintergrund/ Person of Color mit diesen Intersektionen mehr eigene Erfahrung hat, während die Perspektive von Personen mit Behinderungen eher sehr wenig Platz im Buch einnimmt. Dennoch sind es unglaublich spannende Diskussionen, die da aufgemacht werden, und alle (meiner Meinung nach) wichtigen Argumente werden zumindest angeschnitten. 

Der dritte Teil des Buches wirkte auf mich dann sehr zusammengewürfelt, was die Überschrift "Others" vielleicht schon andeutet. Zunächst geht es dann um das Konzept von Aromantik. Der Unterschied besteht in dem Gefühl oder Verlangen, das die Personen nicht haben: Verlangen nach Sex vs. Verlangen nach romantischer Liebe. Ich fand das Kapitel interessant, aber im Gesamtkontext hat es auch ein völlig neues Fass aufgemacht, indem beispielsweise die Interviewten angesprochen haben, dass sie lange Angst hatten, dass sie Psychopathen sind, weil sie keine romantische Liebe empfinden. 

Danach widmet sich das Buch auch Fragen von Consent, also der freiwilligen Einwilligung in sexuelle Handlungen. Dabei werden verschiedene Arten von Consent unterschieden, und es geht darum, dass es keine binäre Trennung von Vergewaltigung und Sex gibt, sondern eine Vergewaltigung eine (gewaltsame) Form von Sex ist. Auch hier fand ich alles Gesagte sehr interessant, und auch relevant für Personen, die nicht asexuell sind. Inwiefern eine freiwillige Einwilligung in unserer heutigen Gesellschaft überhaupt möglich ist (vor allem für Personen in Minoritätsgruppen), ist eine der wichtigsten Fragen unserer Gesellschaft. Das Bild wird also einerseits sehr groß, andererseits scheint es hier aber fast einschränkend, dass Angela Chen dem Thema Asexualität verhaftet bleibt.

Am Ende bekommen wir dann auch nochmal einen besonderen Fall detailliert dargestellt: Anna. Während dieses Kapitel die verschiedenen Intersektionen mit Religion und Gender noch einmal gut verdeutlicht, so hat sich mir nicht erschlossen, wie es ins Gesamtbild passt. Am Ende gibt es noch einen Ausblick, was die Bewegung hinter der Orientierung (Aro) Ace für die Gesellschaft noch bringen kann, was sie aber auch selbst tun muss, um inklusiv für alle Ace-Personen zu sein, und wie es insgesamt weitergehen kann. Dabei plädiert die Autorin im gesamten letzten Teil des Buches auch dafür, Beziehungen neu zu denken und uns von klassischen "Rolltreppen" vom Händchenhalten zum Sex zu lösen. 

Inhaltlich finde ich das Buch absolut gelungen und stimme den Einschätzungen der Autorin absolut zu. Ich finde, dass normativ eingeschränkte Konzepte von "der Beziehung", "der Ehe" und "dem Sex" keinem helfen. Ich stimme auch völlig zu, dass Kommunikation immer und überall die Lösung ist. Und ich habe von diesem Buch viel gelernt. Dennoch bleibt mein Kritikpunkt, dass das Buch vielleicht doch ein bisschen zu viel anpackt, und dann auch im Adressaten uneindeutig bleibt. Trotzdem bin ich überzeugt, dass jeder etwas von diesem Buch lernen kann, weswegen ich es euch wärmstens ans Herz lege.

Habt ihr euch schon mal mit der Idee von Asexualität/Aromantik beschäftigt oder hinterfragt, ob es wirklich so "normal" ist, was wir von Sex in Beziehungen erwarten?

Bis bald,

Eure Kitty Retro





Meine Bewertung:



Mittwoch, 1. Dezember 2021

Unterwegs zur Familie Speer


Hallo meine Lieblingsleser,

bevor ich euch mein erstes Weihnachtsbuch des Jahres vorstelle, habe ich noch ein letztes Non-Fiction-Buch. Der Non-Fiction November ist gestern ja zu Ende gegangen, und ein Buch hatte ich dafür noch gelesen. Dieses habe ich viele, viele Jahre im Schrank stehen gehabt, weil es ein bisschen ein Fehlkauf war. Gelernt habe ich jetzt aber trotzdem viel.

Die Fakten:

  • Autor: Heinrich Breloer
  • Titel: Unterwegs zur Familie Speer
  • Erschienen: 2005
  • Verlag: Propyläen
  • Seiten: 535 + Anhang
  • Preis: ab wenigen Euro gebraucht
  • Klappentext: "Nach den Erkenntnissen, die wir heute - nicht zuletzt dank der Recherchen Heinrich Breloers - über Albert Speer haben, hätte er in Nürnberg ebenso wie die mitangeklagten NS-Führer gehängt werden müssen. Das macht dieser Dokumentationsband deutlich, eine unverzichtbare Lektüre für alle, die sich über Breloers großen TV-Film hinaus mit Speer und seiner Verstrickung in die verbrecherische Politik der Nationalsozialisten befassen möchte."

Gekauft habe ich das Buch damals in irgendeinem Sale, und von dem Titel hatte ich mir eher ein Portrait des alltäglichen Lebens in der NS-Zeit versprochen. Natürlich haben wir in der Schule alle gelernt, wie schlimm der Holocaust und der zweite Weltkrieg waren, kennen auch einige Namen aus großen Filmen über die Zeit, aber das Alltägliche ist immer das, was mich an Geschichte interessiert. Dieses Buch ist aber etwas anderes.

Wie der Klappentext, den ich damals offensichtlich nicht gelesen hatte, verdeutlicht, ist das Buch ein Zusatzwerk zu einem Film, den ich ehrlich gesagt nicht kenne. Breloer hat dafür sehr viele Interviews zu Albert Speer geführt, um der Frage nachzugehen, was hat Albert Speer gewusst, worin war er direkt verwickelt. Und diese Interviewtranskripte sind hier in Auszügen abgedruckt. Am Ende fand ich das jetzt auf eine ganz andere Art und Weise spannend, aber man muss schon sehr an diesem speziellen Thema interessiert sein, um über 500 Seiten Transkripte zu lesen.

Das Buch beginnt mit ein paar einführenden Worten von Breloer zum Projekt, in denen er auch beschreibt, wie er selbst Albert Speer noch einmal vor dessen Tod getroffen hatte, welche Charisma der Mann hatte, und welche Fragen damals auf der Strecke blieben. Danach kommen die Interview-Transkripte. Zunächst wurden vier Familienmitglieder Speers befragt: drei Kinder und der Neffe (Sohn des älteren Bruders). Danach kommen dann kürzere Interviews mit ganz unterschiedlichen Perspektiven auf den Mann und die Zeit.

Dabei geht es sehr viel mehr um die Nachkriegszeit, weniger um die NS-Zeit selbst. Vor allem am Anfang war das sehr deutlich - ein Sohn erinnert sich kategorisch an nichts vor 1945. Bei den Interviews mit den Kindern, die zum Interviewzeitpunkt selbst schon im höheren Lebensalter sind, sieht man sehr gut die unterschiedliche Auseinandersetzung mit dem Vater. Während der älteste Sohn und die älteste Tochter noch Erinnerungen an den Vater während der NS-Zeit haben, als er also ein hohes Tier und fast nie Zuhause war, gehen die Interviews der anderen beiden Familienmitglieder nur auf die Nachkriegszeit ein. 

Ich fand es dabei schon interessant, wie die männlichen Befragten eher in die Fußstapfen getreten sind und auch Architekten geworden sind, die Tochter jedoch hat sich auf einen ganz eigenen Pfad begeben. Bei ihr merkt man aber vor allem auch das Hin- und Hergerissensein, zwischen der Akzeptanz, wer ihr Vater war und was er getan hat, und der emotionalen Erinnerung an diese Vaterfigur, die sie nicht loslassen kann im Herzen. Bei den Männern findet eher eine emotional losgelöstere Auseinandersetzung statt, die aber auch im Beruf angelegt ist. Zwar wird Architektur als Fachgebiet gewählt, der Stil und auch die Unternehmensführung ist aber völlig im Gegensatz zu Speer selbst angelegt. Deutlich wird, dass man sich einer solchen Vaterfigur nicht verschließen kann, auch wenn teilweise kaum persönlicher Kontakt bestand.

Interessanter waren dann für mich die anderen Interviews, denn hier kommen bestimmte Weggefährten Speers das Wort, beispielsweise Leni Riefenstahl. Aber auch Personen, die im Kriegsverbrechergefängnis Spandau tätig waren und Speer so kennenlernten, berichten. So entsteht ein wirklich komplexes Bild des Mannes, das nicht immer schmeichelhaft ist. Gegen Ende des Buches gibt es dann auch immer mehr handfeste Beweise dafür, wie tief Speer in der NS-Führungselite steckte. So hat er maßgeblich die "Entmietung" und damit Deportation der Berliner Juden und Jüdinnen vorangetrieben, er hat das KZ Mittelbau-Dora besucht und die Zustände gesehen, er hatte Berichte von Auschwitz erhalten und als Rüstungsminister Materiallieferungen für den Bau von Gaskammern und Krematorien zugestanden - in Dokumenten, die sehr klar machen, wofür das Material verwendet wurde.

Alles in allem war dies ein interessantes Buch, das mir viel über Speer, aber auch viel über Nachkriegswestdeutschland beigebracht hat. Vor allem am Anfang des Buches werden die Kontinuitäten aus der NS-Zeit in Westdeutschland sehr deutlich. Dabei ist auch total auffällig, dass zu dieser Zeit alle sechs Kinder Speers studiert haben und erfolgreich waren. Die eine Elite ging also in die andere über. Ich glaube, darüber sollten wir uns alle im Klaren sein, dass die Entnazifizierung nie sonderlich erfolgreich war - dennoch zeigt sich bis heute, dass es in Westdeutschland verglichen mit anderen europäischen Ländern sehr wenige Wähler*innen am rechten Rand gibt. Also irgendwas haben sei vielleicht doch gelernt.

Habt ihr denn solche Bücher schon gelesen? Es war auf jeden Fall ein interessantes Leseerlebnis, wenn auch unerwartet.

Bis bald,

Eure Kitty Retro




Meine Bewertung:



Freitag, 26. November 2021

The Five


Hallo meine Historienleser,

heute möchte ich von einem weiteren Sachbuch berichten, das ich für den Nonfiction November gelesen habe. Nachdem ich schon viel von dem Buch gehört hatte, habe ich es dieses Jahr zum Geburtstag bekommen, und dann hat es doch noch ein bisschen gedauert, bis ich es endlich gelesen habe. Es hat sich aber auf jeden Fall gelohnt.

Die Fakten:

  • Autor: Hallie Rubenhold
  • Titel: The Five - The Untold Lives of the Women Killed by Jack the Ripper (dts. Das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden)
  • Erschienen: 2019
  • Verlag: Black Swan
  • Seiten: 352 + Anhang
  • Preis: 9,89 Euro
  • Klappentext: "Polly, Annie, Elizabeth, Catherine and Mary Jane are famous for the same thing, though they never met. They cam from Fleet Street, Knightsbridge, Wolverhampton, Sweden and Wales. They wrote ballads, ran coffee houses, lived on country estates, they breathed in ink-dust from printing presses and escaped people-traffickers. What they had in common was the year of their murders: 1888. Their murderer was never identified, but the name created for him by the press has become more famous than any of these women."

In diesem Buch dreht es sich also um fünf Frauen, die mit großer Wahrscheinlichkeit von der gleichen Person - Jack the Ripper - im Jahr 1888 getötet wurden. Jahrelang galt es, dass diese Frauen "nur Prostituierte" gewesen waren - eine Formulierung, die auf ihre minderwertige Bedeutung in der Gesellschaft hindeutet, und für manche fast schon zu einer Begründung für ihre Tötung wurde. Mit diesem Vorurteil will die Autorin aufräumen, indem sie uns erzählt, was wir alle über diese fünf Frauen wissen könnten.

Dabei ist das Buch vor allem eine Beschreibung des Lebens von Frauen in der Unterschicht Ende des 19. Jahrhunderts in London (und anderen Teilen Englands und Europas). Es wird historisch aufgearbeitet, was wir über die Frauen konkret, und das Leben solcher Frauen im weiteren Sinne wissen. Dabei wird schnell deutlich, dass für die Medien und einzelne Polizisten jede Frau in Armut quasi eine Prostituierte war. Belege, dass wirklich von diesen fünf Frauen Prostitution betrieben wurde, gibt es teilweise nur spärlich, teilweise spricht alles, was wir wissen, dagegen. Also wer waren die Frauen dann?

Die genaue Antwort bietet natürlich das Buch, und da will ich auch nicht zu viel vorwegnehmen. Die erste Geschichte war diejenige, die mich am meisten berührt hat. Polly stammt aus einer Handwerkerfamilie, wuchs zwischen Druckerpressen auf. Sie heiratet, bekommt einige Kinder, lebt in einem Wohnblock, der von einem Londoner Philantropen gebaut wurde, um das Leben der Armen in London zu verbessern. Doch ihr Mann findet bald gefallen an der jungen Nachbarin und Polly stürzt sich in den Alkohol, verlässt den Mann, lebt fortan auf der Straße und in den Arbeitshäusern. Ehebruch war bei Männern damals kein Scheidungsgrund - die Frau musste darüber hinwegsehen oder daran zugrunde gehen.

Ähnlich, aber ganz verschieden sind die anderen Leben dieser Frauen. Annie als Alkoholikerin, deren Mann sich schließlich für die Sicherheit der Kinder gegen seine Frau entscheiden muss, die gesellschaftlich nicht mehr tragbar ist. Elizabeth, die eigentlich Schwedin kommt, als Hausmädchen von einem Mann der Oberschicht verführt und dann fallen gelassen wird. Catherine, die die Liebe und Romantik wählt, und damit aber einen Mann, der keine Familie ernähren kann und schließlich gewalttätig wird. Und schließlich Mary Jane, deren Leben ein Geheimnis bleibt, die aber wahrscheinlich als Prostituierte für die höheren Herren arbeitet und dann in die Hände von Entführerin fiel. 

Was das Lesen dieses Buches besonders schwer macht, ist, dass man immer weiß, dass die Geschichte nur abwärts geht. Bei jeder fiktionalen Geschichte erwarten wir am Ende vielleicht kein Happy End, aber eine gewisse Katharsis. Hier bekommen wir nur den sozialen Abstieg, Alkoholismus, Schmerz, Einsamkeit, Tod. Und das zu lesen, das erfordert schon eine gewisse emotionale Einstellung. Andererseits ist das eben das Leben, das manche Menschen führen - ein andauerndes bergab, aus dem sie selbst nie ausbrechen werden können.

Dieses Buch beschäftigt sich ausführlich mit der Unterschichterfahrung von Frauen dieser Zeit. Es zeigt, wie schwierig die finanzielle Situation vieler Familien war, obwohl die Männer gearbeitet und die Frauen teilweise dazu verdient haben. Doch aufgrund mangelnder Geburtenkontrolle wuchsen Familien schnell über die Lohneinkünfte der Eltern hinaus. Das Buch zeigt damit vor allem die strukturellen Gründe dafür auf, dass diese Frauen am Boden der Gesellschaft gelandet waren.

Das Buch fokussiert auch auf das Thema Wohnungslosigkeit, denn während der These, dass dies "nur Prostituierte" waren, vehement und mit Belegen widersprochen wird, so wird doch deutlich, dass die Wohnungslosigkeit dieser Frauen sie erstens miteinander verband und sie zweitens logisch in die Bahn von Jack the Ripper brachte. Das Buch stellt dadurch auch dar, wie der Umgang mit Armen zu dieser Zeit war, wie die Arbeitshäuser funktionierten, und dass es keinerlei Ausweg gab, wenn man einmal unten war.

Natürlich befinden wir uns dabei an der Intersektion zu Geschlecht, denn alle besprochenen Personen in diesem Buch sind Frauen - und das ist kein Zufall. Gerade Frauen war in der Gesellschaft keine Rolle unabhängig von einem Mann ermöglicht. Wenn es also aufgrund von psychischer und physischer Gewalt dazu kam, dass eine Frau ihren Mann verlassen musste, so blieb ihr eigentlich nur die Straße. Frauen, die aus diesen stereotypen Rollen ausbrechen wollten wie Catherine, hatten es auch nicht leicht.

Und schließlich betont das Buch die erschreckende Rolle, die Alkoholismus in diesen Biografien gespielt hat. Als das einzige Mittel, dass das Leid, die Einsamkeit und den Schmerz dieser Frauen abmildern konnte, trug es dann gänzlich zum Fall bei. In den Beispielen wird aber auch deutlich, dass dies eine Krankheit ist, die damals als solche nicht erkannt wurde - vor allem bei Annie - und dass hier keine Narrative von Eigenverantwortung angebracht sind.

Alles in allem ist dieses Buch ein erschreckendes Dokument, das die Intersektion von Armut und Frausein im 19. Jahrhundert in Großbritannien und Europa beleuchtet. Es ist sehr gut lesbar geschrieben, liest sich fast wie ein Roman - inhaltlich muss man sich aber emotional auf diese Geschichten einstellen. Das Buch schließt eine wichtige Lücke, wenn es um Jack the Ripper geht. Dabei berichtet das Buch gar nichts von den Morden selbst, sondern es geht um die Rekonstruktion der Leben dieser Frauen. Gerne würde ich sagen: über die wir nichts wüssten, wenn sie nicht so schrecklich ermordet worden wären - aber in Wirklichkeit: über die wir meist nichts wissen, außer dass sie schrecklich ermordet wurden. Für mich eine klare Leseempfehlung.

Bis bald,

Eure Kitty Retro





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