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Mittwoch, 3. April 2024

Gingerbread


Hallo meine Märchenfreunde,

wir alle kennen das berühmte Lebkuchenhaus aus dem Märchen, und wir alle haben als Kinder sicher von einem Besuch geträumt. In diesem Buch spielt Lebkuchen auch eine ganz besondere Rolle, denn es verbindet drei Generationen von Frauen und ihre abenteuerliche Reise nach England. Ich war sehr gespannt darauf, nachdem ich letztes Jahr White is for Witching von der Autorin gelesen hatte.

Die Fakten:

  • Autor: Helen Oyeyemi
  • Titel: Gingerbread
  • Erschienen: 2019
  • Verlag: Picador
  • Seiten: 291
  • Preis: 9,49 Euro
  • Klappentext: "Perdita Lee and her mother Harriet may appear your average schoolgirl and working mother but they are anything but. For one thing, their home is a gold-painted, seventh-floor flat with some surprisingly verbal vegetation. And then there's the gingerbread. As we follow the Lees through encounters with jealousy, ambition, family grudges, work and wealth, gingerbread seems to be the one thing that holds a constant value..."

Zur Handlung: Drei Generationen von Frauen: Margot, die wohlhabende Tochter, die einen armen Farmer heiratet. Harriet, die auf einer ärmlichen Farm aufwächst und um sich herum Hunger und Leid erlebt, bis sie zu industrieller Arbeit in die große Stadt geholt wird. Perdita, die in einem Land weit weg von ihrer Heimat aufwächst und sich nach dieser sehnt. Sie alle verbindet der Lebkuchen.

Margot hat das Rezept von der Familie ihres Mannes übernommen und ich damit berühmt geworden. Harriet nutzt dieses magische Rezept, um sich vom elterlichen Bauernhof zu befreien und ihr eigenes Glück zu versuchen. In der Fremde ist der Lebkuchen eine Rettungsleine in die Heimat, gefüllt mit dem Geschmack von Nostalgie. Und keiner kann ihm widerstehen.

Wie ihr hier schon sehen könnt, ist es unglaublich schwierig, die Handlung dieses Buches wirklich zusammenzufassen. Bei Oyeyemi geht es häufig mehr um das wie und warum, als um das was. Darauf war ich beim Lesen schon eingestellt, und deswegen hat es mich auch gar nicht gestört. Trotzdem macht es das für mich schwierig, über das Buch zu schreiben.

Als Hauptfigur würde ich Harriet herausnehmen. Wir sehen den Großteil der Geschichte aus ihrer Perspektive. Sie ist eine Mutter, die den Lebensunterhalt für sich und ihre Tochter verdient. Gleichzeitig will sie sich im Elternrat der Schule ihrer Tochter eine angesehene Position erarbeiten und dazugehören. Ich fand Harriet interessant, aber auch ein bisschen schwierig einzuordnen, weil wir von ihr dann ihre Kindheitsgeschichte erzählt bekommen, und die beiden Harriets fand ich im Kopf schwer zu vereinen.

Daneben haben wir Margot als die Mutter. Ich fand sie interessant, weil sie aus einer reichen Familie stammt und sich aus Ekel gegen das Geld entschieden hat. Sie heiratet einen Farmer und lebt mit ihm in Armut. Als sie das bereut, geht sie zurück zu ihrer Familie, aber sie ist dann doch ihren Prinzipien treu. Perdita als Tochter bleibt für mich blass in Erinnerung. Sie tut etwas sehr gefährliches, das den Großteil der Geschichte auslöst. Ich denke, in ihrer Unverträglichkeit des Lebkuchens steckt eine große Metapher, die aber an mir vorbeigegangen ist.

Ein großer Teil der Geschichte ist, dass Harriet Perdita ihre Geschichte erzählt. Das ist auch eine Geschichte von Migration, denn zu einem Zeitpunkt verlassen Margot und Harriet das Land, aus dem sie stammen, und kommen nach England. Perdita eröffnet dann, dass ihre gefährliche Tat mit dem Ziel geschah, in das Herkunftsland zurückzukehren und es mit eigenen Augen zu sehen. Auch hier steckt sicher einiges an Metapher drin, aber ich bin nicht gut darin, alles davon zu interpretieren.

Besonders interessant fand ich die Darstellung von Armut in Harriets Geschichte. Wir sehen, wie ungleich die Gesellschaft in diesem fiktiven Land ist. Der Reichtum einer kleinen Gruppe basiert auf der Armut der meisten Menschen. Dabei ist der Besitz von Land ausschlaggebend. Außerdem sehen wir, wie die Armen von den Reichen für noch mehr Profit ausgenutzt und ausgebeutet werden. In Verbindung mit dem Lebkuchen hatte es dann für mich teilweise ein bisschen Willy Wonka-Vibes. Vielleicht auch deswegen hat sich das Buch für mich ein bisschen wie ein Mix aus Tim Burton- und Wes Anderson-Film gelesen. 

Ein weiteres Thema, was das Buch anschneidet, ist dann ungewollte Schwangerschaft von jungen Menschen, und wie bestimmte Familie da etwas dagegen haben und damit umgehen. Verbunden wird das wieder durch ein sehr klares Klassendenken, das vorgibt, welche Art von Beziehungen zwischen Wohltätern (reich) und Wohlgetanen (arm) erlaubt sind und welche nicht.

Alles in allem ist dieses Buch einfach eine Erfahrung. Man kann sicherlich viel darin interpretieren, und viel herausarbeiten, was ich hier nicht getan habe. Ich möchte euch aber ermutigen, dass ihr dem Buch mal eine Chance gebt, wenn es euch interessiert. Am Ende wird jede Person aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen Unterschiedliches mitnehmen. Wenn ihr das Buch gelesen habt, lasst mich gern wissen, was euch besonders angesprochen hat.

Bis bald,
Eure Kitty Retro





Meine Bewertung:



Montag, 1. April 2024

Die Erben des Medicus


Hallo meine Historienhasen,

vielleicht erinnert ihr euch noch an den Medicus, von dem ich euch auch die Verfilmung vor vielen Jahren vorgestellt hatte. Und dann hatte ich auch vom Folgebuch Der Schamane berichtet. Heute kommen wir mit sehr viel Verzögerung zum letzten Band dieser Trilogie, die der Arztfamilie der Coles folgt. Ihr fragt euch vielleicht, was hat da so lange gedauert? Nun ja, das Cover des Buches in der Ausgabe, die meine Mama mir geliehen hat, ist wirklich kein Hingucker, und Ärzte in den 90ern in den USA hat jetzt auch nicht mein Interesse geweckt, sondern mich eher an die vielen TV-Sendungen aus der Zeit erinnert. Aber jetzt ist es endlich so weit, zu Ostern bekommt Mutti ihre Ausgabe zurück!

Die Fakten:

  • Autor: Noah Gordon
  • Übersetzung: Klaus Berr
  • Titel: Die Erben des Medicus (eng. Matters of Choice)
  • Reihe: Familie Cole 3
  • Erschienen: 1997 (Original: 1995)
  • Verlag: Knaur
  • Seiten: 402
  • Preis: 11,00 Euro
  • Klappentext: "Eine zerbröckelnde Ehe und die Fragwürdigkeit einer Karriere im Getriebe einer Großklinik sorgen für eine große Wende in Dr. Roberta Coles Leben. Sie beschließt, der Apparatemedizin und dem politischen Hickhack am Hospital in Boston den Rücken zu kehren und als Landärztin in den Berkshire Hills den direkten menschlichen Kontakt zu den Patienten zu suchen. Das bedeutet Verzicht auf Privilegien, Komfort und Sicherheit, bedeutet aber auch Zugang zu einer unverfälschten Natur, zum ewigen Kreislauf der Jahreszeiten, zu einfachen Menschen und ihren Nöten."

Zur Handlung: RJ Cole ist eine Ärztin Mitte 40, deren Ehe schon lange abgekühlt ist und deren Job ihr kein Vergnügen bringt. Als der Mann in einen beruflichen Fauxpas verstrickt wird und für RJ eine wichtige Beförderung im Raum steht, beschließen die beiden die Scheidung. Doch da RJ Schwangerschaftsabbrüche in einer Abtreibungsklinik vornimmt, gerät ihr Name in schlechte Presse. Dies gefährdet nicht nur ihre Beförderung, die an einen männlichen Kollegen geht, sondern auch ihre Sicherheit, sodass RJ Boston verlässt und aufs Land zieht.

Dort angekommen stellt sie sich den Herausforderungen, sich eine neue Praxis und ein neues Leben aufzubauen. Das wird erleichtert durch Menschen, die sie in dem Örtchen trifft, allen voran ihrer neuen Freundin Toby, die ihre Sprechstundenhilfe wird, und ihrem Nachbar David, mit dem nach und nach Gefühle entstehen. Auch Davids Tochter Sarah wird für RJ schnell ein emotionaler Anker. Doch dann geht alles schief.

Ok, ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber aus dem englischen Titel kann man das Thema dieses Buches eigentlich gut ablesen. Matters of Choice - hier wird auf die Abtreibungsdebatte in den USA verwiesen. Und uff, so ein Buch jetzt zu lesen, dass die Zustände in den 90ern kritisiert, wo wir doch wissen, wo wir im Jahr 2024 damit stehen, das war echt hart. Das hat auch nicht viel Spaß gemacht, sondern mich daran erinnert, wie leicht wir Frauen unsere Rechte wieder verlieren können, wenn genug Männer mit genug Geld das wollen. Damit war es zumindest ein gutes Buch, um es im Women's History Month zu lesen. Vielleicht nochmal ganz deutlich: ich bin für das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch für Frauen, und dieses Buch ist es auch. Wenn euch das nicht passt, braucht ihr weder diesen Post noch das Buch zu lesen - oder ihr wollt euch umstimmen lassen.

Als Hauptfigur folgen wir das erste Mal in dieser Reihe einer Frau. Damit will der Autor vermutlich auch zeigen, dass in den 80ern und 90ern Frauen entscheidende Rechte gewonnen haben. Allerdings stellt sich damit das ewige Problem ein: kann ein Mann gute Frauen schreiben? Nun ja, ich habe schon deutlich Schlimmeres gelesen, aber an einigen Stellen kam der Male Gaze definitiv durch. Also erwartet hier keine Wunder. Dennoch mochte ich RJ, denn sie ist eine intelligente Frau, die nicht viel Glück in der Liebe hat, dadurch aber auch mit sich selbst zufrieden sein kann. Sie hat einige wichtige Freundinnen, und eine angespannte, aber respektvolle Beziehung zu ihrem Vater. Sie hat ein bisschen damit zu kämpfen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornimmt, weil sie selbst Erfahrungen in ihrer Vergangenheit hat, die da kollidieren, aber sie sieht es als Recht jeder Frau an, diese Entscheidung treffen zu können. Außerdem findet sie es schrecklich, dass es in den USA so viele Menschen ohne Krankenversicherung gibt, und sie will diesen helfen. Sie ist damit eher progressiv eingestellt, und wählt auch Bill Clinton (Gott, ich musste da erstmal googlen, wann er Präsident war). Da der Roman an einigen Stellen recht politisch wird, war mir das nur recht, aber es gibt sicher Leser, die da Anstoß finden.

Neben RJ haben wir einige Charaktere, die aber meist eher an der Seitenlinie bleiben. Sonst erhalten wir nur noch mehr Einblick in David, ihren Nachbarn. Ihn fand ich leider eher anstrengend. Er hat auch eine traumatische Vergangenheit und hat diese stets mit Alkohol bewältigt. Er ist zwar trocken, aber kämpft damit. In entscheidenden Momenten war er mir dann aber zu schwach als Love Interest, zu sehr nur auf sich selber fokussiert. Spannend fand ich aber die Aspekte zum Judentum, die durch seinen Charakter in die Geschichte einfließen. Der Autor selbst war Jude, und diesen Aspekt fand ich auch schon im Medicus selbst spannend.

Durch RJs Umgebung haben wir zwei sehr unterschiedliche Welten. Der erste Teil spielt in Boston und wir sehen ihren stressigen Job, der kaum Belohnung für RJ abwirft, aber immer noch mehr fordert. Dann wendet sich das Setting dem Kleinstadtleben zu. Hier wird teilweise dann romantisiert, im nächsten Augenblick passieren aber Unfälle mit Jagdgewähren, und es wird auch mal betrunken auf RJ geschossen, als diese zu einer Patientin kommt. Dennoch überwiegt das romantische Gefühl, was ich teilweise ein bisschen viel fand. Ich bin aber auch Stadtmensch.

Politisch geht es viel um zwei Themen: Krankenversicherung und Abtreibungen. Es liest sich deutlich heraus, was der Autor und damit auch RJ darüber denken. Dabei liest es sich auch sehr gut recherchiert. Das schätze ich neben dem sehr flüssigen Schreibstil besonders an Noah Gordon. Seine Bücher waren bis jetzt alle sehr gut recherchiert, und bringen einem auch neue Dinge bei. Er versucht dabei, die Themen auch möglichst facettenreich zu betrachten, was für mich aber gerade beim Abtreibungsthema nicht gelungen ist. In der Mitte des Buches gibt es da einen Einschnitt, wenn ein Eingriff schief geht, und das hätte es so für mich nicht gebraucht. Aber es ist ein schwieriges Thema. Was mir dabei vor allem immer fehlt, ist mal die Darstellung von Schwangerschaftabbrüchen, die nicht bei Teenagermädchen oder Karrierefrauen durchgeführt werden. Es gibt ja so viele Gründe, die mitunter zahlenmäßig auch häufiger sind, aber ihren Weg so selten in fiktionale Werke finden. (In dem Zusammenhang finde ich es gut, dass die amerikanischen Medien gerade viele solcher Fälle vorstellen.)

Was wir vor allem aber auch sehen, ist die extreme Gefährdung, Belästigung und Verfolgung, die Ärzte, die diese Eingriffe vornehmen, erleben müssen. Es wird auch auf verschiedene Brandanschläge und Morde verwiesen, die in diesem Zeitraum in den USA geschehen sind, zum Beispiel an David Gunn. Diese Gefahr eines solchen politischen Klimas ist absolut spürbar - und seitdem ist alles ja nur noch schlimmer geworden. Die optimistischen Worte, dass durch medikamentöse Abbrüche bald keine Demonstrationen vor Kliniken passieren werden, die ein Charakter hier ausspricht, bleiben einem da echt im Halse stecken. Mich hat das Buch somit auch daran erinnert, wie nicht-sicher wir als Frauen nach wie vor sind, wie schnell uns jemand Gewalt antun kann, weil wir Frauen sind, dass unsere Rechte innerhalb von Sekunden wieder verschwinden können, und dass es vor allem Frauen of Color und Trans-Frauen sind, die meist den höchsten Preis bezahlen. Und da habe ich dann auch mal eine Nacht nicht gut geschlafen bei diesen Gedanken.

Der größte Schwachpunkt für mich ist letztlich die Handlung. Was dann so tagein tagaus mit RJ passiert, das hat mich teilweise absolut gelangweilt. Es gibt weite Strecken, da passiert eigentlich gar nichts, dann wieder ein paar Kapitel höchste Anspannung, wo sie bedroht und verfolgt wird. Auch das Ende war nicht wirklich meins, aber das ist Geschmackssache.

Alles in allem kann ich das Buch heute nicht wirklich empfehlen. Es gibt sicher bessere Werke - fiktional und non-fiktional - zu diesen Themen, die aktueller sind und mehr dem Zeitgeist entsprechen. Wenn euch aber die Situation in den 90ern interessiert, ist es vielleicht gut. Ich stimme mit den gesundheitspolitischen Ansichten in diesem Buch überein, deswegen bewerte ich es gut. Ich bin auch nicht böse, dass ich es gelesen habe. Aber umfassend mein Leben bereichert hat es auch nicht.

Bis bald,
Eure Kitty Retro





Meine Bewertung:



Dienstag, 26. März 2024

Warrior Girl Unearthed


Hallo meine Lieblingsleser,

jetzt habe ich doch etwas unfreiwillig wieder eine längere Pause gemacht, aber ich musste auf Arbeit zu viel schreiben, als dass ich dann abends auch noch tippen wollte. Jetzt ist aber Osterurlaub, und hoffentlich kann ich hier auch ein bisschen was abarbeiten. Heute kommen wir zu einem Buch, das ich heiß ersehnt habe. Das erste Buch der Autorin, Firekeeper's Daughter, war für mich ein Überraschungshit, und manchmal macht mir das dann etwas Angst, wenn ein nächstes Buch erscheint. Die beiden sind lose miteinander verbunden, aber ihr könnt sie auch unabhängig voneinander lesen. 

Die Fakten: 

  • Autor: Angeline Boulley
  • Sprecher: Isabella Star LaBlanc
  • Titel: Warrior Girl Unearthed
  • Erschienen: 2023
  • Verlag: Macmillan Audio
  • Dauer: 11 Std 32min (ungekürzt)
  • Preis: 9,95 Euro (im Abo)
  • Klappentext:

    "Perry Firekeeper-Birch was ready for her Summer of Slack but instead, after a fender bender that was entirely not her fault, she’s stuck working to pay back her Auntie Daunis for repairs to the Jeep. Thankfully she has the other outcasts of the summer program, Team Misfit Toys, and even her twin sister Pauline. Together they ace obstacle courses, plan vigils for missing women in the community, and make sure summer doesn’t feel so lost after all. But when she attends a meeting at a local university, Perry learns about the “Warrior Girl”, an ancestor whose bones and knife are stored in the museum archives, and everything changes. Perry has to return Warrior Girl to her tribe. Determined to help, she learns all she can about NAGPRA, the federal law that allows tribes to request the return of ancestral remains and sacred items. The university has been using legal loopholes to hold onto Warrior Girl and twelve other Anishinaabe ancestors’ remains, and Perry and the Misfits won’t let it go on any longer. Using all of their skills and resources, the Misfits realize a heist is the only way to bring back the stolen artifacts and remains for good. But there is more to this repatriation than meets the eye as more women disappear and Pauline’s perfectionism takes a turn for the worse. As secrets and mysteries unfurl, Perry and the Misfits must fight to find a way to make things right–for the ancestors and for their community."

Zur Handlung: Alles, was Perry will, ist, ihren freien Sommer mit Fischen zu verbringen. Sie liebt die Natur, und sie liebt das Angeln, und ihr liegt nichts an einer akademischen Karriere, an der Schule oder einem Abschluss von der Uni. Doch als Perry aus Versehen in einen Unfall gerät, bei dem ihr Auto beschädigt wird, muss sie zusammen mit ihrer perfekten Zwillingsschwester ein Sommerpraktikum absolvieren, um für die Reparatur zahlen zu können.

So landet Perry im Museum, um ihr Praktikum zu verrichten - und das bei dem Betreuer, den die meisten in ihrem Umfeld für ziemlich verrückt halten. Doch Perry stellt schnell fest, dass man manche Vorurteile besser ignorieren sollte, und lebt sich gut in ihren Job ein. Dann wird sie auf ein Treffen mitgenommen, bei dem es um die Rückgabe von kulturellen Gegenständen und Überresten an indigene Völker geht, und sie muss feststellen, dass das System dieser Repratiierung in den USA unzulänglich ist, und sie etwas tun muss...

Gleich zu Beginn möchte ich sagen: dieses Buch wird teilweise als Heist-Geschichte beworben, also eine Geschichte, in der ein Verbrechen geplant und durchgeführt wird, und wir für die Verbrecher sind. Hier möchte ich direkt warnen, dass die Frage, ob ein Rückdiebstahl von Gebeinen und kulturellen Gegenständen nötig ist und wie dieser aussehen könnte, nur einen kleinen Teil des Buches darstellt. Wenn ihr das Buch nur dafür lest, werdet ihr sehr lange darauf warten.

Perry Firekeeper ist die Nichte unserer Hauptfigur aus dem ersten Buch der Autorin. Dadurch sind die Bücher theoretisch verbunden, inhaltlich macht es wenig Unterschied. Manche Anspielungen werdet ihr dann vielleicht nicht verstehen, aber das ist nie etwas Wichtiges, sondern eher so Cameo-Auftritte. Perry ist ähnlich wie Daunis eine Kämpernatur, aber am Anfang der Geschichte weiß sie es vielleicht noch nicht. Während Daunis sich sehr für ihre Familie aufopfern wollte, aber auch wirklich gern ans College, ist Perry zufrieden mit ihrem Leben, und sie liebt die Nähe zur Natur, das Angeln, und die Wertschätzung, die ihre Vorfahren der Natur schon so lange entgegengebracht haben. Ich mochte Perrys Entwicklung in diesem Buch sehr, wie sie etwas findet, dass sie bewegt und antreibt, und wie sie trotzdem sie selbst bleibt. Eine sehr spannende Hauptfigur für mich.

Neben Perry gibt es noch weitere wichtige Figuren. Pauline ist ihre Zwillingsschwester und eher die akademisch Begabte, das goldene Kind. Aber sie kämpft auch mit Angststörungen und nervösen Ticks. Ich mochte, wie nah sich die beiden Schwestern sind, obwohl sie so unterschiedlich sind. Ich liebe es, wenn Geschwister sehr verschieden, aber tief verbunden in Geschichten dargestellt werden. Daneben haben wir die anderen Teenager, die mit Perry für das Praktikum zusammenarbeiten, eine Teenager-Mutter, die sich nicht auf Klischees reduzieren lässt, Perrys besten Freund aus Kindheitstagen, und einen neuen Jungen, der Interesse an Perry hat. Ich mochte diese Charaktere alle, und sie ergeben eine tolle Gruppe von Misfits. 

Dann haben wir noch Perry Chef vom Praktikum. Diesen Charakter mochte ich auch so sehr. Die Leute halten ihn für verrückt, aber das ist er eigentlich gar nicht. Er gibt nur wenig darauf, was andere von ihm denken. Ihm ist die Bewahrung der Kultur seiner Vorfahren enorm wichtig, und damit auch die Repatriierung. Er geht mit Perry wie mit einer erwachsenen Person um, kümmert sich sehr gut um sie, aber zeigt ihr auch Grenzen. Eine ganz tolle Mentorenfigur. 

Inhaltlich lernen wir viel darüber, warum die Rückgabe von kulturellen Gegenständen und Überresten aus Museen und Universitäten an indigene Völker so enorm wichtig ist. Dabei werden auch die Möglichkeiten aufgezeigt, mit denen Institutionen den Prozess über Jahrzehnte hinauszögern können. Besonders eklig ist auch die Darstellung, wie manche Wissenschaftler die Gebeine als ihr Eigentum ansehen, weil sie diese schon längere Zeit beforschen. Leider bestimmt gar zu realistisch. Ich habe hier auf jeden Fall viel gelernt, und finde das Thema auch unglaublich relevant. Auch in Deutschland gibt es einiges zurückzugeben, und auch hier geht es nur schleppend voran, auch wenn es hier eher mit der Kolonialgeschichte verbunden ist.

Im Kern ist dieses Buch aber schon auch eine Mystery-Geschichte, denn während das alles vor sich geht, verschwinden junge Frauen aus der Community. Immer mehr wird klar, dass hier ein Muster vorliegt, und an einem bestimmten Punkt wird Perry mit ihren Freunden in diesen Fall hineingezogen. Hier wird es am Ende dann auch nochmal spannend und gefährlich für unsere Charaktere. Ich habe auf jeden Fall mitgefiebert, aber auch gut mitgeraten. 

Alles in allem war das Buch für mich wieder ein voller Erfolg. Ich bin gespannt und freue mich darauf, was die Autorin als nächstes schreibt. Sie ist eine begnadete Geschichtenerzählerin. Es gibt nichts, was mit an dem Buch nicht gefallen hat. Einzig und allein habe ich ein bisschen bereut, dass ich Firekeeper's Daughter nicht nochmal gelesen hatte vor diesem Buch, weil ich dadurch sicherlich von den Cameo-Sachen auch nicht alles mitbekommen habe. Aber irgendwann lese ich beide Bücher nochmal, vielleicht wenn es ein weiteres Buch aus dieser Welt geben sollte.

Bis bald,
Eure Kitty Retro





Meine Bewertung:



Mittwoch, 6. März 2024

We Deserve Monuments


Hallo meine Lieblingsleser,

wir machen heute weiter mit meinen guten Vorsätzen, und ich berichte euch direkt von einem Buch, das ich ganz frisch fertig gelesen habe. Und oh boy, war das ein Buch. Ich hatte schon ein bisschen was darüber gehört, tatsächlich nur Gutes, und dann war es auf Audible mit dem Abo kostenlos verfügbar. Da konnte ich nicht nein sagen.

Die Fakten:

  • Autor: Jas Hammonds
  • Titel: We Deserve Monuments
  • Sprecher: Tamika Katon-Donegal
  • Erschienen: 2022
  • Verlag: Recorded Books
  • Dauer: 10 Std 22min
  • Preis: kostenlos im Abo
  • Klappentext:

    "What’s more important? Knowing the truth or keeping the peace? Seventeen-year-old Avery Anderson is convinced her senior year is ruined when she's uprooted from her life in DC and forced into the hostile home of her terminally ill grandmother, Mama Letty. The tension between Avery’s mom and Mama Letty makes for a frosty arrival and unearths past drama they refuse to talk about. Every time Avery tries to look deeper, she’s turned away, leaving her desperate to learn the secrets that split her family in two. While tempers flare in her avoidant family, Avery finds friendship in unexpected places: in Simone Cole, her captivating next-door neighbor, and Jade Oliver, daughter of the town’s most prominent family—whose mother’s murder remains unsolved. As the three girls grow closer—Avery and Simone’s friendship blossoming into romance—the sharp-edged opinions of their small southern town begin to hint at something insidious underneath. The racist history of Bardell, Georgia is rooted in Avery’s family in ways she can’t even imagine. With Mama Letty's health dwindling every day, Avery must decide if digging for the truth is worth toppling the delicate relationships she's built in Bardell—or if some things are better left buried."

Zur Handlung: Avery kann sich Schöneres vorstellen, als aus DC weg nach Georgia zu ziehen, wo ihre Großmutter, an die sie sich nicht erinnern kann, an Krebs erkrankt ist und nicht mehr lange leben wird. Aber nach ihrer Trennung von ihrer Freundin kann es Neuanfang vielleicht auch gut sein. Zumindest kann sie sich an ihrer neuen Nachbarin Simone kaum satt sehen.

Doch je länger Avery und ihre Familie im Haus ihrer Großmutter Mama Letty verbringen, desto deutlicher wird, wie unwahrscheinlich eine Versöhnung von Großmutter und Mutter ist. Und Avery fühlt sich zwischen den Stühlen, denn sie versucht nun verspätet eine Beziehung zu ihrer Großmutter herzustellen, während sie weiß, dass ihr wichtiges Wissen fehlt, um ihre eigene Familie wirklich zu verstehen.

Wenn man diese Geschichte beginnt, weiß man schon, dass hier kein Happy End wartet. Die Frage ist daher, kann es wenigstens bitter-süß werden. Mich hat es auf jeden Fall durch einen ganzen Haufen von Gefühlen geführt, mit Wut und Freude und Trauer und allem dazwischen. Es hat mich auch an ein paar Dinge erinnert, die in meiner Familie so angefallen sind, und die Mauern, die wir manchmal aufbauen müssen, um uns selbst zu schützen - aber manchmal auch einreißen müssen, um uns selbst vergeben zu können.

Avery als Hauptfigur hat mir größtenteils gut gefallen. Bisher war sie das absolute Vorzeigekind. Sie war gut in der Schule, immer zusammen mit ihren Streberfreundinnen, die schon seit Jahren planen auf welche Top-Colleges sie gehen wollen. Doch angeregt durch ihre neue Situation fokussiert sie sich nun zunehmend auf die Geschichte ihrer Familie und die Geheimnisse, die dort lauern, werden ihr sehr viel abgewinnen. Das führt dann auch zu einigen Wutausbrüchen, die einerseits verständlich sind für eine Teenagerin, andererseits dann schon manchmal schwer zu lesen waren. 

Rund um Avery haben wir verschiedene zentrale Charaktere. Als wichtigstes sind da Mama Letty und Averys Mutter, die eine Astrophysikerin ist. Mama Letty ist eine verbitterte alte Frau, der in ihren jüngeren Jahren etwas geschehen ist, was sie nie verarbeiten konnte. Averys Mutter ist eine zielstrebige Frau, die sich den Weg nach oben erkämpft hat, um ihre Kindheit hinter sich zu lassen. Doch nun wird sie in diese Erinnerungen hineingesaugt und verliert dadurch auch die Kontrolle, die sie sich so hart erkämpft hat. Dann haben wir noch Simone, zu der Avery romantische Gefühle entwickelt. Ich mochte Simone sehr und habe sehr mit ihr mitgefühlt. Und darüber hinaus haben wir Jade, Simones beste Freundin, die selber wenig Glück mit ihrer Familie hat und mit der ich deswegen auch teilweise mitgefühlt habe, Averys Vater, der sich für einen Mann sehr gekonnt aus dem Mittelpunkt heraushalten kann, wenn es nicht um ihn geht, und Simones Mutter, die über einen steinigen Weg zu Gott gefunden hat und es nun damit vielleicht ein bisschen übertreibt.

Ich würde sagen im Kern ist dieses Buch ein Familiendrama, in dem es vor allem um die langfristigen Auswirkungen von Rassismus und Gewalterfahren über die Generationen hinweg geht. Daneben haben wir ein bisschen Romanze, weil wir sehen, wie sich Avery und Simone annähern, und welche Hindernisse sie als gleichgeschlechtliches Paar im Süden Amerikas überwinden müssen. Und wir haben zwei zentrale Mysterys: was ist das Geheimnis von Averys Familie, was die Großmutter so kaputt gemacht hat, und was ist mit Jades Mutter geschehen, die vor ungefähr 15 Jahren ermordet wurde. Allerdings würde ich hier nicht zu viel Mystery erwarten, wir erfahren die Antworten eher nebenher, während wir das Familiendrama verfolgen.

Von den genannten zentralen Figuren sind nur Jade und Averys Vater weiß, Avery ist damit mixed-race. Dieser Fokus auf das Leben und die Geschichte von Schwarzen Personen in den USA hat mir gut gefallen. Vor allem weil wir manchmal denken, dass bestimmte Geschehnisse so lange her seien, aber dann eben doch nur ein oder zwei Generationen zwischen uns und diesen Verbrechen liegen. Mir gefällt aber auch, dass das Buch es schafft diese grausame Geschichte und die heutigen Schwierigkeiten, die durch Diskriminierung immer noch bestehen, mit Momenten der Freude auszubalancieren, sodass kein pures Trauerspiel daraus wird, sondern ein komplexes Wirken des echten Lebens.

Für das Ende solltet ihr euch dann ein paar Taschentücher bereitlegen. Es gibt Grund für traurige und freudige Tränen - eben bittersüß. Mich hat das Buch auf jeden Fall mitgenommen und auch viel in mir ausgelöst beim Hören. Ich hoffe, dass es mir noch etwas im Kopf bleiben wird, weil mein größtes Bedenken ist, dass dies ein Buch ist, das ich zu schnell wieder vergesse.

Alles in allem will ich es euch aber unbedingt ans Herz legen. Auch wenn ihr vielleicht keine Jugendbücher mehr lest oder hört, würde ich sagen, dass hier für alle Altersgruppen etwas dabei ist. Auch wenn wir uns vielleicht nicht mehr mit Avery identifizieren können, sie sehen wir auch das Innenleben von Averys Mutter zum Beispiel, das ich sehr bewegend fand. Und manche Wahrheiten müssen wir alle immer wieder hören, um sie nicht zu vergessen.

Bis bald,
Eure Kitty Retro





Meine Bewertung:



Sonntag, 9. Juli 2023

Die letzten Tage des Patriarchats


Hallo meine Lieblingsleser,

dieses Buch habe ich vor einigen Jahren geschenkt bekommen und komme nun endlich dazu es zu lesen. Bei dem Titel dachte ich, es ist eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Patriarchat und was wir noch alles dagegen tun können, aber bei genauerem Hinsehen habe ich festgestellt, dass es sich um eine Sammlung von Zeitungsartikeln handelt, die die Autorin über die Jahre verfasst hat. 

Die Fakten:

  • Autor: Margarete Stokowski
  • Titel: Die letzten Tage des Patriarchats
  • Erschienen: 2018
  • Verlag: Rowohlt Taschenbuch
  • Seiten: 307
  • Preis: 14,00 Euro
  • Klappentext: "Brauchen wir den Feminismus noch? Oder ist die Revolution bereits geschafft? Margarete Stokowski hat darauf eine eindeutige Antwort. Seit 2011 zeigt sie in ihren Kolumnen, dass es noch einiges zu tun gibt auf dem Weg zu einer gleichberechtigten Gesellschaft. Sie analysiert den Umgang mit Macht, Sex und Körpern, die #MeToo-Debatte und Rechtspopulismus. Ihre Texte machen Mut, helfen, wütend zu bleiben und doch den Humor nicht zu verlieren."

Da ich es ein bisschen viel finde, meinen Senf zu allen einzelnen Artikeln abzugeben, gehe ich hier stattdessen die Kapitel durch und gebe oder meine Low- and Highlights. 

Meine Meinung zu den einzelnen Kapiteln:

  • Flirten und Vögeln und Liebe

In diesem Kapitel haben wir acht Beiträge, die zwischen 2011 und 2017 geschrieben wurden. Zum ersten Beitrag schreibt die Autorin selbst, dass sie ihn schrecklich findet, aber auch etwas von den sehr frühen nicht sehr guten Sachen einbeziehen wollte. Das ist eine interessante Art das Buch zu beginnen. Allgemein fand ich das Kapitel nur mäßig gut. Die ersten Beiträge haben mir nichts gegeben, vielleicht auch, weil Sex für mich einfach kein so großes Thema im Leben ist. Besonders blöd fand ich den Beitrag zum hessischen Dialekt, und dass der nicht sexy sei. Die späteren Beiträge z.B. zur Bundespräsidentengattin oder zu Sexboykotten fand ich dagegen anregend. 

  • Feminismus

Im zweiten Kapitel haben wir sieben Beiträge von 2015 bus 2018. Es geht dabei vor allem um Einordnungen des Begriffs Feminismus, verschiedene Strömungen, und wer jetzt eigentlich Feministin sein darf und wer nicht. Ich fand diese Beiträge auf jeden Fall ansprechender als im ersten Kapitel, auch wenn jetzt für mich nichts fundamental Neues dabei war. Es ist aber eine interessante kleine Zeitkapsel, so welche Themen wann diskutiert wurden.

  • Bekloppte Zustände

Die acht Artikel in Kapitel 3 stammen von 2012 bis 2018 und versammeln die Meinung der Autorin zu verschiedensten Themen. Es geht um die Jagd nach der Identität von Elena Ferrante, Politiker, die mal wieder einen Realitätscheck bräuchten, den G20-Gipfel in Hamburg und vieles mehr. Dadurch wirkt es etwas eklektisch, und wenn ich der Meinung der Autorin auch in vielen Bereichen zustimme, weiß ich nicht, ob so eine Restkategorie als Kapitel in einem Buch Sinn macht.

  • Männer

In diesen acht Artikeln von 2013 bis 2018 geht es nun um das starke Geschlecht, die Männer. Es geht um den Weihnachtsmann, die Privilegien für Mittelmäßigkeit, Penisse und die Me-Too-Bewegung. Auch hier war es wieder durchwachsen, manche Beiträge haben mir aber sehr gut gefallen. Einiges ist einfach sehr in der Zeit und den Debatten verankert, über die sie erschienen sind. Aber mag aber die kleinen Verweise auf Kommentare und die generelle Rezeption der Artikel an manchen Stellen.

  • Bauch, Beine, Po

In neun Artikeln aus den Jahren 2012 bis 2017 geht es schließlich um weibliche Körper. Das ist ein Thema, das für mich immer gleichzeitig besonders spannend und langweilig ist, denn dazu forsche ich selbst. Daher kann ich meistens in der Populärliteratur nicht Neues dazu lernen, gleichzeitig aber interessiert mich, wie bestimmte Themen für Nicht-Wissenschaftlerinnen heruntergebrochen werden. In dem Sinne war auch dieses Kapitel langweilig und interessant für mich. Besonders schrecklich fand ich den einen Kommentar von einem männlichen Journalist zu diesen Themen... da sieht man eben, dass große Teile der Welt von einem positiven Umgang mit Körpern nichts halten will.

  • Gewalt

Kapitel 6 besteht aus acht Artikeln aus den Jahren 2015 bis 2018 und beschäftigt sich mit dem Thema Gewalt gegen Frauen. Die Beiträge stammen damit zum Teil aus der Zeit vor MeToo, und sind dann vor allem zu diesem Thema geschrieben. Dieses Thema gibt mir persönlich immer noch unglaublich viel Bauchweh, weil man hier für mich am deutlichsten sieht, dass Frauen nach wie vor Menschen zweiter Klasse sind. Jeder neue Mord wirft die gleiche Täter-Opfer-Umkehr auf, warum war sie nachts allein im Park, warum hatte sie das an, warum warum? Das wird in den einzelnen Beiträgen natürlich angeprangert und andiskutiert.

  • Für Rechte

Die acht Artikel aus den Jahren 2014 bis 2017 in diesem Kapitel beschäftigen sich erwartbar mit den vier großen rechtlichen Themen: trans- und non-binary-Rechte, Abtreibungsgesetze, Ehe für alle und der rechtliche Schutz bei sexualisierter Gewalt. Glücklicherweise haben wir in all diesen Bereichen inzwischen Fortschritte gemacht, aber der Weg ist lang und der Blick in andere Länder zeigt, wie schnell die Rolle rückwärts hier geht. Daher vielleicht eher ein deprimierendes Kapitel.

  • Gegen Rechte

Wenig überraschend beschäftigen sich diese sechs etwas längeren Beiträge von 2015 bis 2018 mit der erstarkenden Rechten in Deutschland - zunächst PEGIDA (oh Gott, hatte ich das schon gut verdrängt), und dann AfD. Gleichzeitig geht es natürlich auch um Flüchtlinge und vor allem um die Instrumentalisierung von Frauen als etwas, das für ebenjenen geschützt werden muss. Auch hier habe ich jetzt nix Neues für mich entdeckt, eher die ganzen feinen Sachen, über die ich an einem Sonntagnachmittag lieber mal nicht nachdenken will.

  • Medien und Diskurs

Vom Titel her spricht mich dieses Kapitel wirklich am wenigsten an. Es sind sechs Beiträge von 2016 bis 2018, die sehr unterschiedlich auf Medien schauen. Einige fand ich tatsächlich ziemlich gut, wie das Interview im Tierhimmel, wo verschiedene Tiere zusammenkommen, die aus Gründen von Menschen getötet wurden (oder gerade nicht). Auch der Beitrag zu den Beschreibungen von erfolgreichen Frauen, die irgendwie immer "überraschend zierlich" sind, fand ich sehr anregend.

  • Für die Zukunft

Das letzte Kapitel besteht aus sechs Beiträgen aus den Jahren 2013 bis 2018 und ist wieder ein Sammelsurium an Themen, die auch eher schlecht als recht zur Übersicht passen. Bei manchen Beiträgen war mir völlig unklar, was sie in dem Buch machen (wie der erste zur Kettensägennutzung), bei anderen war schon eher ein Bezug herstellbar. Richtig Zukunft kam mir aber irgendwie nirgendwo hier auf.

So, da haben wir es. Insgesamt bin ich jetzt kein Riesenfan dieses Buches, aber einige Artikel waren schon ganz spannend. Ich habe nicht viel Neues gelernt, aber ein paar kleine Sachen hier und da. Manches war für mich als Bezug irgendwie schon so veraltet, dass ich mich nicht daran erinnere... Die Pandemie hat da sicher viel beigetragen. Daher würde ich das Buch nicht brennend empfehlen, aber wenn ihr es schon im Regal habt, ist es auch flott weggelesen und tut nicht weh.

Bis bald,
Eure Kitty Retro





Meine Bewertung:



 

Montag, 29. Mai 2023

Disability Visibility


Hallo meine Lieblingsleser,

heute möchte ich euch ein Non-Fiction Buch vorstellen, dass schon zum Asian Readathon passt, weil die Editorin eine asiatisch-amerikanische Aktivistin ist, die sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung einsetzt. Allerdings ist das Buch selbst eine Sammlung von Essays, die für den US-amerikanischen und britischen Raum sehr viele diverse Stimmen abbildet.

Die Fakten:

  • Editor: Alice Wong
  • Titel: Disability Visibility
  • Erschienen: 2020
  • Verlag: Vintage
  • Seiten: 275 + Anhang
  • Preis: 13,49 Euro
  • Klappentext: "One in five people in the United States lives with a disability. Some are visible, others less apparent - but all are underrespresented in media and popular culture. Now, just in time for the thirtieth anniversary of the Americans with Disabilities Act, activist Alice Wong brings together this urgent, galvanizing collection of contemporary essays by disabled people. From Harriet McBryde Johnson's account of her debate with Peter Singer over her own personhood to original pieces by authors such as Keah Brown and Haben Girma; from blog posts, manifestos, and eulogies to congressional testimonies, and beyond: this anthology gives a glimpse into the rich complexity of the disabled experience, highlighting the passions, talents, and everyday lives of this community. It invites readers to question their own understandings. It celebrates and documents disability culture in the now. It looks to the future and the past with hope and love."

Ich werde jetzt auf die einzelnen Essays eingehen und dann am Ende meine Gesamteinschätzung des Buches kurz zusammenfassen. Entschuldigt bitte, dass es ein langer Text geworden ist, aber es sind wirklich einige Essays hier zusammengetragen, und ich wollte mir die Zeit nehmen, euch einen umfassenden Einblick in die Themen des Buches zu geben.

Meine Meinung zu den einzelnen Essays:

  • Unspeakable Conversations
In diesem ersten Essay von Harriet McBryde Johnson erzählt uns diese hochgebildete Aktivistin für die Rechte von behinderten Menschen von einer andauernden Diskussion, die sie mit einem Philosophen hatte, der sich für ein Recht von Eltern einsetzt, ihre Kinder mit Behinderung töten lassen zu können. In diesem Essay schreibt sie darüber, wie absurd es ist mit einem an sich nicht unsympathischen Menschen auf einem intellektuellen Level zu diskutieren, ob es Menschen wie sie überhaupt geben sollte. Das Essay und die Debatten stammen aus den frühen 2000ern, als das scheinbar gerade ein großes Thema in den USA war. Es ist sehr gut und anschaulich geschrieben und fängt die Ambivalenz, die Harriet McBryde Johnson gegenüber diesem Philosophen empfunden hat, perfekt ein.
  • For Ki'tay D. Davidson, Who Loves Us
Bei diesem Beitrag von Talila A Lewis handelt es sich um den Nachruf auf den Schwarzen Trans-Mann Ki'Tay D Davidson, der sich neben anderen auch für die Rechte von behinderten Menschen einsetzte. Der Beitrag zelebriert das Leben und Wirken des Aktivisten, sowie seine besondere Art allen anderen Menschen mit Sympathie und Liebe entgegenzutreten, selbst wenn man nicht einer Meinung war. Mich macht es immer traurig jemanden über einen geliebten Menschen sprechen zu hören, der nicht mehr da ist, und so war es auch hier.
  • If You Can't Fast, Give
Dieses kurze Essay von Maysoon Zayid beschäftigt sich mit dem religiösen Fasten während des Ramadan, und welche Bedeutung dies für die Autorin hatte. Ich mochte diesen Blickwinkel, weil es für mich eine völlig neue Perspektive auf den Fastenmonat war. Letztlich fordert Maysoon Zayid ihre muslimischen Mitmenschen, die aus körperlichen oder gesundheitlichen Gründen nicht fasten können, im Geiste und möglichst finanziell durch Spenden an Bedürftige diese religiöse Tradition dennoch zu unterstützen und keine Scham dafür zu empfinden, dass ihnen das Fasten nicht möglich ist.
  • There's A Mathematical Equation That Proves I'm Ugly - Or So I learned in My Seventh-Grade Art Class
In diesem Essay von Ariel Henley spricht die Autorin über einen Vorfall in ihrer Schulzeit. Im Kunstunterricht behandelt die Klasse den goldenen Schnitt und verschiedene mathematische Vorstellungen zu Schönheit. Die Autorin selbst hat ein Gesicht, das diesen Vorstellungen nicht entspricht, worauf sie auch promt von einem Mitschüler hingewiesen wird. Sie schreibt dann weiter darüber, wie es ist, wenn man mit dem Wissen aufwächst, dass man als hässlich wahrgenommen wird. Für mich war diese Geschichte vor allem herzzerreißend, weil Ariel Henley in den Momenten, die sie beschreibt, so jung war. Ich kann mir die emotionale und psychische Belastung, die sie erlebt hat, gar nicht vorstellen. Der Kunstlehrerin gelingt es schließlich, Ariel Henley eine neue Perspektive auf ihr Aussehen zu eröffnen.
  • The Erasure of Indigenous People in Chronic Illness
Dieses Essay von Jen Deerinwater ist mit sehr viel Wut geschrieben, die man schnell nachfühlen kann. In dem Beitrag geht es um die medizinische Behandlung von indigenen Personen in den USA, wobei sich ähnliche Erlebnisse sicher auch in vielen anderen Gegenden der Welt finden lassen. Es beginnt allein schon damit, dass auf den Fragebögen von Ärzten und Krankenhäusern meist kein Platz für die Selbstbezeichnungen der indigenen Personen ist, sondern diese Begriffe wie "American Indian" ankreuzen müssen oder schlimmstenfalls gar keine Option für sie existiert. Darüber hinaus geht es dann aber um die Stigmatisierung und Diskriminierung im Medizinsystem, z.B. wenn sich Pfleger weigern Schmerzmittel an indigene Patienten zu geben. Auch die systematische Benachteiligung bei der Finanzierung von Gesundheitseinrichtungen für indigene Menschen werden thematisiert.
  • When You Are Waiting to Be Healed
Dieser Beitrag von June Eric-Udorie wird nicht die US, sondern Großbritannien betrachtet. Es geht vor allem darum, wie durch den Glauben der Familie der Autorin, die nigerianische Wurzeln hat, für sie lange Zeit undenkbar war, dass sie eine Behinderung hat. Stattdessen wurde ihr immer wieder gespiegelt, dass sie nur genug Beten muss und dann wird Gott sie heilen. Als sie das erste Mal darauf angesprochen wird, ob sie offiziell den Status einer Behinderung beantragen will, ist sie fassungslos, denn eine Behinderung ist für sie etwas Permanentes, und nichts was Heilung bedarf. Ich fand diesen Blick auf Religion und Behinderung sehr spannend, da in diesem Schnittbereich so viel Stigmatisierung und auch sogenannte "falsche Helfer", die nur selbst Profit schlagen wollen, lauern. Auch hatte ich vorher noch nie von Nystagmus gehört und habe damit auch noch mehr Neues gelernt.
  • The Isolation of Being Deaf in Prison
Dieses Essay von Jeremy Woods wurde von Christie Thompson niedergeschrieben. Jeremy Woods ist gehörlos und war für vier Jahre in einem amerikanischen Gefängnis. In dem Essay beschreibt er, welche enormen Schwierigkeiten und welche Isolation mit dieser Erfahrung verbunden waren. Es ist wenig überraschend, wie schrecklich das US-Gefängnissystem ist, und trotzdem immer wieder hart zu lesen. So wurde Jeremy Woods immer wieder ein Gebärdensprachen-Übersetzer verweigert. Als es schließlich Krebs diagnostiziert bekam, konnte er mit niemandem darüber kommunizieren. In Anhörungen wurden seine Hände gefesselt, sodass er nicht per Gebärdensprache kommunizieren konnte, und sein Schweigen wurde dann als Geständnis gewertet. Auch werden gehörlose und blinde Personen scheinbar häufig zusammen untergebracht, sodass eine Kommunikation für beide Seiten absolut unmöglich ist.
  • Common Cyborg
Nach dem letzten Essay fand ich diesen recht langen Beitrag von Jillian Weise dann ein bisschen unterwältigend. Es geht dabei um Menschen, die aufgrund von Behinderungen Prothesen benutzen, in kurz Cyborgs. Dabei wird auch ein klarer Schnitt zu Menschen gezogen, die technische Implantate etc. nur nutzen, weil sie sich dann cool und zukünftig fühlen. Insgesamt ist hier aber leider nicht so viel für mich hängen geblieben, was vielleicht aber auch an der Zeit lag, als ich das Essay gelesen hatte.
  • I'm Tired of Chasing a Cure
Dieses Essay von Liz Moore fand ich sehr beeindruckend, denn sie spricht von der Ambivalenz zwischen Selbstakzeptanz als Person mit Behinderung und dem Wunsch nach Linderung oder Heilung. Als Person mit chronischen Schmerzen kann sie den Wunsch nach einem Leben ohne Schmerz nicht völlig ablehnen. Sie spricht von Zeiten, in denen bestimmte Medikamente kurzzeitig dazu führten, dass sie schmerzfrei war, und wir sie dann fast gestorben ist bei dem Versuch dies langfristig zu replizieren. Sie spricht davon, wie man so schnell vergisst, wie das Leben ohne Schmerzen ist - und wie das Leben mit Schmerzen ist. Mit meiner chronischen Migräne konnte ich das ein klein wenig nachvollziehen. Dennoch sagt sie, dass sie ihr Leben leben will, ohne jeden Tag nach dem Heilmittel zu suchen, denn sonst zieht ihr Leben einfach nur an ihr vorbei.
  • We Can't Go Back

Dieser Beitrag ist ein Statement, das 2012 vor dem US-Senat vorgetragen wurde. Darin geht es um einen Appell, dass Menschen mit Behinderung nicht mehr in Institutionen und auf Stationen leben sollten, sondern innerhalb von Communities Platz finden müssen. Der Vortragende Ricardo T Thornton Sr beschreibt auf eindrückliche Weise, dass Menschen lernen und über sich hinauswachsen können, wenn sie in einer förderlichen Umgebung sind  mit anderen Menschen, die an sie glauben. Daher auch der Titel: zurück in das von der Gesellschaft weggeschobene Leben in Einrichtungen können Menschen mit Behinderung nicht zurück, denn dort gibt es keinen Platz für echtes Leben.

  • Radical Visibility
Hierbei handelt es sich wieder um einen längeren Beitrag von Sky Cubacub. Die längeren Essays sind für mich hier irgendwie meist die schwächeren. Dabei ist die Grundidee nicht uninteressant. Sky Cubacub hat ein Modelabel gegründet, dass sich an Menschen mit Behinderung, trans* und non-binäre Personen und Personen mit hohem Körpergewicht richtet. Diese sollen mit farbenfrohen Designs mit starken geometrischen Mustern loud and proud mit ihrer Mode ihr Leben feiern. Es war nur einfach ein wenig zu langgezogen für mich.
  • Guide Dogs Don't Lead Blind People. We Wanders as One.
In diesem Essay berichtet Haben Girma von ihrer Erfahrung als blinde Person. Als sie aufs College gehen wollte, war sie sehr unsicher, ob sie sich zurechtfinden würde, und wollte daher einen Blindenhund. Sie bekam dann aber den Rat, dass der Blindenhund nur wirklich hilft, wenn sie auch allein klarkommen würde, was sie sich dann mit viel Training beigebracht hat. Sie betont, dass der Hund nicht ihr Führer ist, sondern sie dem Hund immer noch sagen muss, was er tun soll, wohin er gehen soll. Er kann eben nur Hindernisse besser sehen oder hören - wie mit dem Hindernis umgegangen wird, weiß er nicht. Ein spannendes Interview der Autorin: https://www.youtube.com/watch?v=MOw8CgbFiuY
  • Taking Charge of My Story as a Cancer Patient at the Hospital Where I Work

Dieses Essay erzählt davon, wie Diana Cejas in sehr jungen Jahren einen Schlaganfall erlebte und bei ihr ein sehr seltener Krebs gefunden wurde. Sie selbst war gerade in ihrer Ausbildung zur Ärztin in diesem Krankenhaus, in dem sie dann auch behandelt wurde. Nach ihrer Rückkehr und in Verbindung mit den bleibenden Folgen des Schlaganfalls und den Narben ihrer OPs wird sie wie ein bunter Hund - alle scheinen ihren Fall zu kennen, teilweise haben sie sie in ihrem schlimmsten Momenten erlebt, an die sie sich selbst nicht erinnern kann. Sie spricht dann davon, wie der offene Umgang mit ihrer Geschichte nicht nur dazu geführt hat, dass sie sich nicht mehr so preisgegeben fühlte, sondern sie auch andere Menschen fand, die ähnliche Geschichte zu erzählen hatten.

  • Canfei to Canji - The Freedom of Being Loud
Ich schätze es an diesem Buch sehr, wie vielseitig die Perspektiven auf das Thema Behinderung sind. So haben wir hier die Sichtweise der asiatischen Amerikanerin Sandy Ho, deren Eltern vietnamesische und chinesische Wurzeln haben. Sie spricht darüber, wie einige Verwandte ihren Eltern geraten hatten, sie nach der Geburt aufzugeben, da sie im Sinne des Wortes Canfei nur eine Last wäre. Ihre Eltern haben dies nicht getan, aber die Kluft zwischen den ostasiatischen Werten und der amerikanischen Lebensrealität für Menschen mit Behinderung war dadurch nicht automatisch überbückt.
  • Nurturing Black Disabled Joy
Die Autorin dieses Beitrags Keah Brown hat auch ein ganzes Buch geschrieben (The Pretty One), das ich gern lesen möchte. Hier berichtet sie über die Reaktionen auf ihr Buch und warum sie es geschrieben hat. Zentral darin ist das Streben und das Verlangen nach Freude am Leben. Sie reflektiert, dass in unserer Gesellschaft die Einstellung vorherrscht Menschen mit Behinderungen können keine wirkliche Freude im Leben empfinden - und das will sie auf den Kopf stellen, indem sie jeden Tag nach Freude sucht und sie meistens auch findet.
  • Last but Not Least - Embracing Asexuality
Dieses Essay von Keshia Scott hat mir sehr gut gefallen, da es die Frage nach Asexualität und Behinderung aufwirft. Im Buch ACE über Asexualität wird dieses Thema auch angeschnitten - die Vorstellung, dass Menschen mit Behinderung keine sexuellen Gelüste haben (oder aber in seltenen Fällen eine Übersexualisierung). Als Keshia Scott das erste mal mit dem Label in Berührung kommt, erlebt sie große Abneigung aufgrund der damit verbundenen Stereotype, aber eine tiefergehende Recherche zeigt, dass sie tatsächlich asexuell ist - und das nicht aufgrund ihrer Behinderung, aber eben einfach so.
  • Imposter Syndrome and Parenting with a Disability
Für mich ist dieses Essay von Jessica Slice noch ein ganz wichtiger Beitrag in diesem Buch. Jessica Slice spricht darüber, dass sie sich aufgrund ihrer Behinderung manchmal nicht wie eine richtige Mutter fühlt. Sie hat einen Sohn mit ihrem Mann adoptiert, und während sie die ersten Monate gut allein für ihn sorgen konnte, braucht sie mehr und mehr Hilfe, je mobiler das Kleinkind wird. Aufgrund unserer sehr festgefahrenen gesellschaftlichen Vorstellungen, wie eine Mutter zu sein und zu handeln hat, sind viele Mütter sicherlich in einer ähnlichen Lage des "nicht genug Seins und Tuns". Das sollte sich dringend ändern!
  • How to make a Paper Crane from Rage
Dieses Essay von Elsa Sjunneson beschäftigt sich mit Wut und dem Ausdruck, dem wir ihr geben. Ich mochte den Schreibstil mit den Einschüben zu Origami. Ich mochte die Idee, dass die Wut nicht nach außen gewendet wird, sondern über Vulnerabilität dazu genutzt wird, sich Gehör zu verschaffen. Letztlich geht es darum, dass die Gesellschaft einen als Menschen sieht.
  • Selma Blair Became a Disabled Icon Overnight. Here's Why We Need More Stories Like Hers.

In diesem Essay schreibt Zipporah Arielle über die Schauspielerin Selma Blair, die in Eiskalte Engel und Natürlich Blond zu sehen ist. In 2018 hat sie bekannt gegeben, dass sie an Multipler Sklerose erkrankt ist. Sie benutzte auf dem roten Teppich einen Gehstock und dieser Fakt sowie ihr weiteres öffentliches Auftreten werden hier diskutiert. Es geht vor allem darum, wie wichtig solche Stars sind, die einerseits das öffentliche Interesse an Behinderung und chronischer Erkrankung erhöhen können, und gleichzeitig verschiedene Aspekte, die damit einhergehen, z.B. den Gehstock oder andere Mobilitätshilfen, normalisieren.

  • Why My Novel Is Dedicated to My Disabled Friend Maddy

Dieses Essay von A H Reaume hat mir besonders gut gefallen. Es geht darin um zwei Menschen, die sich zufällig auf einem Event begegnen und beide Erfahrungen mit Verletzungen des Gehirns haben. Beide sind dadurch in ihrem Handeln auf bestimmte Weise eingeschränkt - zum Beispiel durch eine Verkürzung der Zeit, die man auf einen Bildschirm starren kann. Doch beide finden, dass sich ihre Einschränkungen gut ergänzen, sodass sie letztlich gemeinsam den Roman der Autorin beenden konnten. Dieser Blick auf Kollaboration war sehr inspirierend.

  • The Antiabortion Bill You Aren't Hearing About

Dieses Essay von Rebecca Cokley ist inzwischen gleichzeitig veraltet und wichtiger denn je. Nachdem Roe v Wade in Amerika gekippt wurde, sind die Rechte auf Abtreibung und reproduktive Gesundheit so eingeschränkt wie seit Jahrzehnten nicht. In diesem Essay geht es um ein Gesetz, dass es in Texas verboten hätte, Kinder aufgrund von Behinderungen, die in der Frühdiagnostik erkennbar sind, abzutreiben. Die Autorin beschreibt, dass es sich bei diesem Thema um eine komplexe Diskussion handelt, hier aber im Vordergrund steht, dass Kinder mit Behinderung nur genutzt werden um die abtreibungsfeindliche Agenda der Republikaner zu pushen und viele andere Gesetze zeigen, dass ihnen nicht an Menschen mit Behinderung liegt.

  • So. Not. Broken.

In diesem Essay schreibt Alice Sheppard über die vermeintliche Binarität von "heil" und "kaputt". Sie ist Tänzerin und schreibt darüber wie ihre Mobilitätshilfen für sie Teil ihres Körpers sind, die sie zum Ausdruck und zur Erschaffung von Kunst nutzt.

  • How a Blind Astronomer Found a Way to Hear the Stars

Dieser Beitrag ist ein TED Talk von Wanda Díaz-Merced. Die verschriflichte Form war für mich zwar interessant, aber da es hier auch im Töne geht, ist der tatsächliche Beitrag als Video noch spannender: https://www.youtube.com/watch?v=-hY9QSdaReY Es ist ein spannender Vortrag, der zeigt, wie Menschen mit Behinderung zu wissenschaftlichem Fortschritt führen können.

  • Incontinence Is a Public Health Issue - And We Need to Talk About It

Dieses Essay von Mari Ramsawakh war für mich besonders interessant, weil es einen Teil von körperlicher Einschränkung zentriert, über den ich noch nicht nachgedacht hatte: Inkontinenz. Wie im Essay beschrieben wird, verbinden wir Inkontinenz mit Kleinkindern und alten Menschen, die Pflege brauchen. Manchmal tauchen noch traumatisierte Kinder dabei auf. Doch im Sinne von Inkontinenz aufgrund einer Behinderung wird selten bis nie berichtet. Die gesundheitliche Risiken, die mit dem Stigma von Inkontinenz einhergehen, werden hier sehr deutlich herausgearbeitet, wodurch es für mich auch gut an meine Forschung anknüpft.

  • Falling/Burning - Hannah Gadsby, Nanette, and Being a Bipolar Creator

In diesem Essay schreibt Shoshana Kessock über das Komedie-Programm Nanette von Hannah Gadsby (könnt ihr auf Netflix schauen), in dem die Idee von "Leiden für die Kunst" kritisch hinterfragt wird. Diese Idee, dass vor allem Künstler mit psychischen Krankheiten besondere Kunst kreieren und durch Medikation diesen Zugang zu ihrem schaffenden Selbst verlieren und deswegen lieber leider und schaffen sollten, haben wir sicher alle schon einmal gehört. In diesem Essay geht es um die persönliche Erfahrung, die Shoshana Kessock damit gemacht hat.

  • Six Ways of Looking at Crip Time

Dieses Essay beschäftigt sich mit Zeit, was ich wahnsinnig faszinierend finde. Ich habe schon im Studien ein paar Hausarbeiten über Zeit geschrieben, denn es ist ein spannendes soziales Konstrukt. Im Besonderen geht es hier nach Ellen Samuels um Crip Time, also eine spezielle Zeit, die Menschen mit Behinderung und chronischen Krankheiten erleben. Es werden positive und negative Aspekte davon betont, und ich mochte diese sehr differenzierte Sichtweise auf die Bedeutung von Zeit in diesem Kontext.

  • Lost Cause

Reyma McCoy McDeid ist ein hoffnungsloser Fall laut ihrem Großvater, der kein Problem damit hat fremde gesunde weiße Kinder aufzuziehen, aber sein eigenes Enkelkind aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres Autismus dem Staat überlässt. Dieses Essay behandelt, wie solche Sätze sich als selbsterfüllende Prophezeihung in unser Leben brennen können - und wie wir darüber hinauswachsen können. So hat Reyma McCoy McDeid schließlich ihren eigenen hoffnungslosen Fall gefunden und zu einem Erfolg gemacht.

  • On NYC's Paratransit, Fighting for Safety, Respect, and Human Dignity

Die Essays in diesem Band haben meistens Content Warning - bei diesem Essay gibt es keine, und dabei ist es für mich definitiv eins der verstörendsten im ganzen Buch. Britney Wilson ist Anwältin und für ihren Arbeitsweg auf das Paratransit-System für Menschen mit Behinderung in New York angewiesen, weil so viele andere öffentliche Verkehrsmittel nicht barrierefrei sind. Sie beschreibt, wie sie als Anwältin gegen die unsinnigen Regeln und Vorschriften dieses Systems kämpft, und am Ende bschreibt sie einen besonders krassen Fall von Diskriminierung und Grenzüberschreitung, den sie mit einem Fahrer erlebt hat. 

  • Gaining Power through Communcation Access

Dieser Beitrag war ein Interview, dass die Editorin des Buches mit einer Person gehalten hat, die technische Assistenzsystem zur Kommunikation nutzt. Ich fand das Interview selbst etwas redundant und nicht ganz so gehaltvoll wie viele andere Beiträge, zumal der Interviewstyle etwas davon weggeht, dass die Personen frei von der Leber weg schreiben können, was sie möchten, aber das Gedicht am ölerEnde hat mir sehr gut gefallen.

  • The Fearless Benjamin Lay - Activist, Abolitionist, Dwarf Person

In diesem Essay von Eugene Grant geht es um die historische Persönlichkeit Benjamin Lay des 17. und 18. Jahrhunderts. Ich kannte ihn nicht, aber ich kenne mich leider auch mit britischer Geschichte sehr wenig aus. Benjmain Lay war allerdings nicht nur politisch engagiert, um Menschenrechte zu verbreiten, sondern er war auch kleinwüchsig. Im Essay wird dann diskutiert, wie wertvoll und wichtig es ist, dass in geschichtlichen Beiträgen zu dieser Person auch erwähnt wird, dass sie Körpernormen nicht erfüllt hat, und dass dieser Fakt auch das politische Wirken beeinflusst hat.

  • To Survive Climate Catastrophe, Look to Queer and Disabled Folks

Dieser Beitrag von Patty Berne (niedergeschrieben von Vanessa Raditz) diskutiert, dass die Folgen von Klimakatastrophen besonders marginalisierte Gesellschaftsgruppen, allen voran Personen mit Behinderung und chronischen Erkrankungen, treffen. (Gesehen hat man das auch bei anderen Katastrophen wie der Pandemie.) Dabei zeigen dann Beispiele aus diesen Gruppen, wie sich Menschen zusammentun und Hilfe organisieren können, um Menschenleben zu retten, und welches Potential darin für die ganze Menschheit steckt.

  • Disability Solidarity - Completing the "Vision for Black Lives"

Das Harriet Tubman Collective kritisiert in diesem Beitrag die Auslassung von Menschen mit Behinderung in den Texten und Proklamationen der Black Lives Matter-Bewegung. Gerade vor dem Hintergrund, dass in den Schwarzen Communities in Amerika besonders viele Menschen mit Behinderung und chronischen Krankheiten existieren, erscheint das ein ernstzunehmendes Problem. Ziel ist es, dass auch diese Gruppe als eine Stimme in die Bewegung eingeht.

  • Time's Up for Me, Too

Dieses Essay von Karolyn Gehrig beschäftigt sich mit sexueller Gewalt, und wie schwierig es vor allem für Personen mit Behinderung, die besonders häufig Opfer von (sexueller) Gewalt werden, ist dagegen vorzugehen. Dabei kommen Aussagen wie: "Eine Jury wird nicht glauben, dass ein Ehemann seine behinderte Frau missbrauchen würde". Ein sehr sehr wichtiges Thema. Die vielen Bezüge zu Shape of Water waren für mich insofern schwierig, weil der Film vor so langer Zeit herausgekommen ist und bei mir davon nicht viel hängen geblieben war...

  • Still Dreaming Wild Disability Justice Dreams at the End of the World

In diesem Essay beschreibt Leah Lakshmi Piepzna-Samarasinha verschiedene Träume und Utopien, die sie für die Behindertenbewegung hat. Es ist eine Aktualisierung von einem früheren Beitrag, was es für mich etwas schwierig gemacht hat, weil ich den ersten Beitrag nicht kannte. Aber der Bezug zu dem Trauma der Trump-Präsidentschaft, die noch aktiv war, während das Buch entstanden ist, wird hier gut eingefangen und in positive, hoffnungsvolle Gedanken transformiert.

  • Love Means Never Having to Say... Anything

Dieses Essay von Jamison Hill fand ich sehr berührend, obwohl ich eigentlich kein sehr romantischer Mensch bin. Hier geht es um die Liebe, und was Liebe braucht. Was sie laut dem Essay nicht braucht, ist die Fähigkeit zu sprechen. 

  • On the Ancestral Plane - Crip Hand-Me-Downs and the Legacy of Our Movement

Dieses Essay von Stacey Milbern beschäftigt sich mit der Idee von Vorfahren, und dass diese Vorfahren keine Blutsverwandten sein müssen. Außerdem diskutiert sie die Idee, dass nicht nur wir heute von unseren Vorfahren lernen, sondern dass auch unsere Vorfahren durch uns weiter lernen. Ich mochte diesen Blickwinkel sehr und fand das Essay sehr eindrücklich.

  • The Beauty of Spaces Created for and by Disabled People

In diesem letzten Beitrag schreibt s.e. smith von einer Tanzaufführung von Menschen mit Behinderung für Menschen mit Behinderung, und wie das Schaffen von solchen Orten, wo eine Community zusammenkommen und einfach für ein paar Stunden sein kann, ein wichtiges und schwieriges Unterfangen ist. Mir hat diese Diskussion am Ende des Buches gut gefallen.

Darüber hinaus bietet das Buch noch kurze Biographien der Autoren und eine Leseliste mit vielen Vorschlägen, wie man sich weiter in das Thema vertiefen kann. Alles in allem kann ich das Buch nur empfehlen, auch wenn es sehr auf die USA und in wenigen Essays Großbritannien fokussiert bleibt.

Bis bald,
Eure Kitty Retro





Meine Bewertung:



Freitag, 19. Mai 2023

Sea Change


Hallo meine Lieblingsleser,

es scheint ganz so, als würde das Bloggen mit unseren Leben im Moment auf keinen grünen Zweig kommen. Für mich persönlich ist es so, dass ich gerade an meinem eigenen Buch arbeite - allerdings eine wissenschaftliche Publikation - und dadurch Einblick erhalte, wie anstrengend und aufwühlend es ist, ein Buch zu veröffentlich. Natürlich wollte das gute Stück erstmal geschrieben werden, und jetzt will es nochmal überarbeitet werden, und da war für mich die Vorstellung hier auch noch zu schreiben einfach nicht attraktiv.

Heute hat mich jetzt aber mal wieder die Lust gepackt. Ich habe eine riesige Liste mit vielen vielen Büchern, die ich euch vorstellen könnte, aber ich habe beschlossen mit etwas Aktuellem anzufangen, nämlich meinem letzten beendeten Hörbuch. Es handelt sich hierbei um Literary Fiction passend zum Asian Readathon. Außerdem ist das Buch recht neu erschienen.

Die Fakten:

  • Autor: Gina Chung
  • Sprecher: Jeena Yi
  • Titel: Sea Change
  • Erschienen: 2023
  • Verlag: Random House Audio
  • Dauer: 8 Std 14 min (ungekürzt)
  • Preis: 9,95 Euro (im Abo)
  • Klappentext:

    "Ro is stuck. She's just entered her thirties, she's estranged from her mother, and her boyfriend has just left her to join a mission to Mars. Her days are spent dragging herself to her menial job at the aquarium, and her nights are spent drinking sharktinis (Mountain Dew and copious amounts of gin, plus a hint of jalapeño). With her best friend pulling away to focus on her upcoming wedding, Ro's only companion is Dolores, a giant Pacific octopus who also happens to be Ro's last remaining link to her father, a marine biologist who disappeared while on an expedition when Ro was a teenager. When Dolores is sold to a wealthy investor intent on moving her to a private aquarium, Ro finds herself on the precipice of self-destruction. Wading through memories of her youth, Ro realizes she can either lose herself in the undertow of reminiscence, or finally come to terms with her childhood trauma, recommit to those around her, and find her place in an ever-changing world."

Zur Handlung: Unsere Erzählerin Aurora, kurz Ro, hat es gerade nicht leicht im Leben. Ihr Partner hat sie verlassen, um an einer neuen Marsmission teilzunehmen und in ihrem Job geht es gerade nicht vorwärts. Sie arbeitet in einem Aquarium, in dem ein Riesentintenfisch lebt, den einst ihr Vater aus einem der verschmutztesten Teile des Pazifiks mitgebracht hat, bevor er auf einer Mission verschwand. Doch dieser Tintenfisch, Dolores genannt, soll nun verkauft werden, um die missliche finanzielle Lage des Aquariums aufzubessern.

Durch ihre akutelle Misere muss sich Ro die Frage stellen, wer sie ist und wer sie sein will. Diese Frage wird sich nicht beantworten lassen, ohne dass sie sich auch einen Blick darauf erlaubt, wer sie war und was sie geprägt hat. Dabei ist ihre Vergangenheit geprägt von den Streitigkeiten ihrer Eltern, ihrem Gefühl nie unkonditional geliebt worden zu sein und ihrer nie eingestandenen Trauer darüber, ihren Vater verloren zu haben, die hinter ihrer Hoffnung, dass er noch irgendwo da draußen ist, versteckt liegt.

Da ich es in einer negativen Rezension zu diesem Buch gelesen habe, möchte ich zu Beginn ganz klar machen: das hier ist kein Buch über den Klimawandel. Auch wenn an einigen Stellen die Veränderungen unserer Erde angesprochen werden und z.B. die geplante Marskolonie der Rettung der Menschheit vor der Klimakrise dienen soll, spielt das Buch leicht in einer etwas stärker verschmutzten Zukunft, aber es geht vorrangig um die innere Lebenswelt unserer Protagonistin. 

Ro als Hauptfigur fand ich sehr interessant. Sie hat viele seelische Wunden, die sie eher vor sich selbst versteckt und durch ein Abschotten von der Welt auch versucht vor anderen zu verstecken. Die Trennung von ihrem quasi-perfekten Freund hat sie noch mehr in die Defensive gebracht, da sie nun erst recht nicht weiß, was sie mit ihrem Leben machen soll. Aber auch die Beziehung selbst war für sie nicht nur Liebe, sondern ein weiterer Bereich ihres Lebens, der ihre vermeintlichen Unzulänglichkeiten für sie hervorgehoben hat.

Ro ist in diesem Sinne eher eine unsichere Person. Ihr Rückzug erscheint ihr vielleicht erstmal als eine sinnvolle Strategie, um nicht weiter damit konfrontiert zu werden, dass sie nicht die Version ihrer selbst ist, die sie sein möchte oder von der sie denkt, dass andere sie haben wollen. Doch zwischen Alkohol und ihrem Job, der ihr keine Zukunft bieten kann, muss sie sich schließlich doch fragen, wer sie denn nun eigentlich ist. Das kann natürlich anstrengend zu lesen sein, wenn man solche Charaktere nicht mag oder solche Fragen die eigene Lebenswelt nicht mehr beeinflussen, aber mir hat das zugesagt.

Wir bekommen im Buch dann auch Ros Familiengeschichte erzählt, die von vielen traurigen Events geprägt ist. Hier würde ich im Zweifel dringend empfehlen content warning nachzuschauen. Ros Eltern sind aus Korea in die USA eingewandert. Ihr Vater war ein erfolgsversprechender Wissenschaftler, ihre Mutter wollte Musiklehrerin werden. Allerdings wurde dann Ro geboren, und beide Eltern trafen Entscheidungen die mehr Stabilität und Sicherheit bieten sollten, gleichzeitig aber auch zu sich kumulierenden negativen Gefühlen beitragen. So ist die Familie in Ros Leben von viel Streit und wenig gegenseitigem Verständnis geprägt.

Eine besondere Rolle in dem Ganzen spielt dann Dolores, der Oktopus. Sie ist ein besonders riesiges Exemplar, das in einem besonders verschmutzten Teil des Pazifiks entdeckt wurde. In diesem Teil führen die Chemikalien im Wasser dazu, dass alle Meerestiere viel größer werden als anderswo. Ros Vater hat damals Dolores mitgebracht und sie lebt seit vielen Jahren in dem Aquarium. Für Ro stellt sie die letzte Verbindung zu ihrem verschwundenen Vater da, von dem sie nicht glauben kann, dass er tot ist. Dolores ist in diesem Sinne symbolisch viel mehr für Ro als ein Tier, das sie versorgt. Hier würden sich sicherlich einige wünschen, dass man noch etwas mehr Tintenfisch im Buch bekommt. Aber mir haben die Szenen mit ihr auf jeden Fall gefallen und ein paar spannende Fakten über die Tiere wurden auch eingebaut.

Am Ende muss Ro sich fragen, ob sie wirklich so weiterleben will, wie sie es gerade tut. Und welche Schritte vielleicht dazu führen können, dass sie mit sich und ihrem Leben zufriedener wird. Dazu muss sie bestimmte Dinge auch gehen lassen und sich eingestehen. Besonders schön fand ich, dass ihre Kindheitsfreundin am Ende dabei eine große Rolle spielt.

Alles in allem hat mir das Buch gut gefallen. Es werden viele tragische, aber wichtige Themen angesprochen. Ich mochte Ro als Hauptfigur, zumal sie auch an einer ähnlichen Stelle im Leben ist wie ich. Die Familiengeschichte war spannend und traurig, und hat sehr gut erläutert, warum Ro ist, wie sie ist. Und auch wenn ich gern etwas mehr Dolores gesehen hätte, fand ich es schön, dass hier mal ein etwas anderes Tier im Zentrum steht als die klassische Auswahl an Säugetieren.

Habt ihr schon Oktopus-Bücher gelesen? Oder findet ihr sie eher gruslig? Ich bin ein großer Fan.

Bis bald,
Eure Kitty Retro





Meine Bewertung:



Samstag, 25. Februar 2023

Long Way Down


Hallo meine Lieblingsleser,

in den USA ist Black History Month und dafür wollte ich auch ein wenig lesen. Dieses Buch habe ich in der Bibliothek gesehen und es schien mir perfekt dafür. Es ist geschrieben für Jugendliche und in Versen, und es ist außerdem illustriert. Das Thema ist jedenfalls kein leichtes, aber ein wichtiges.

Die Fakten:

  • Autor: Jason Reynolds
  • Illustrator: Chris Priestly
  • Titel: Long Way Down
  • Erschienen: 2017
  • Verlag: Faber & Faber
  • Seiten: 323
  • Preis: 8,37 Euro
  • Klappentext: "If someone you love // gets killed, // find the person // who killed // them and // kill them. // No crying. // No snitching. // Get revenge."

Zur Handlung: Will ist ein Teenager, der miterleben muss, wie sein Bruder Shawn auf offener Straße geötet wird. Er lebt in einem Stadtteil, indem Banden ihre Reviere ziehen und verteidigen, und Shawn musste in ein feindliches Revier gehen, um die medizinische Creme seiner Mutter zu kaufen. Das überlebt er nicht.

Inmitten der Trauer und dem unfassbaren Schmerz dieses Verlusts muss Will nun entscheiden, was er tut. Er weiß, dass sein Bruder eine Waffe besitzt, die im mittleren, etwas schiefen Kasten einer Kommode liegt. Eine Waffe, in der eine Kugel bereits fehlt. Will schleicht sich mit der Waffe aus der Wohnung, doch im Fahrstuhl begegnen ihm über die acht Stockwerke verschiedene Personen, die ihm neue Perspektiven auf das Erlebte geben.

Das Buch beschäftigt sich also mit einem sehr schwierigen Thema: der Bandenkriminalität und den damit verbundenen Morden in vorwiegend von Schwarzen Amerikanern bewohnten Stadtvierteln. Diese Menschen kennen Armut, Hoffnungslosigkeit und den Schmerz von Verlust. Und es gibt einen klaren moralischen Codex, der Will vorschreibt, was er nun zu tun hat. Doch dieses Buch versucht einen möglichst umfassenden Blick auf dieses Thema zu geben.

Will als Hauptcharakter lernen wir vor allem in seinem Schmerz kennen. Wir bekommen ein paar Rückblenden auf sein Leben von dem Mord an seinem Bruder, aber hauptsächlich sehen wir einen verängstigten und leidenden jungen Mann, der nun eine schwere Entscheidung treffen muss. Wir lernen ihn dadurch nicht unbedingt sehr gut kennen, aber wir sehen seine Gefühle in den Versen dieses Buches, und die berühren. Ich finde, dass seine Gefühle sehr gut nachhvollziehbar beschrieben werden. 

Die Sprache in diesem Buch ist wundervoll. Durch die Verse und auch kreative Nutzung von den Seiten entstehen einige Gänsehautmomente beim Lesen. Auch die Illustrationen passen sich sehr gut ein, auch wenn es nicht unbedingt ein Zeichenstil ist, der mir sehr gut gefällt. Aber es trifft den Ton des Textes und macht dadurch die Handlung und die Gefühle der Hauptfigur nochmal greifbarer.

Auf seinem Weg im Fahrstuhl vom 8. Stock in die Lobby wird Will dann von anderen Charakteren heimgesucht. Einige erkennt er recht schnell, bei anderen muss er sich auf die Sprünge helfen lassen. Gerade für das weiße Publikum handelt es sich vielfach um Menschen aus Wills leben, die bei uns eher noch am Leben sind. Dadurch wird das Thema nochmal eindringlicher, denn es sind Personen, die wir so oder ähnlich alle im Leben haben oder hatten.

Diese Charaktere bekommen dann je eine eigene Stimme (bis auf eine bestimmte Figur), die das Thema aus unterschiedlichen Richtungen betrachten und uns auch unterschiedliche Argumente und Perspektiven offenbaren. Es hat mich fast ein wenig an die Geister in der Weihnachtsgeschichte erinnert, denn in einer gewissen Weise handelt es sich auch im bestimmte Aspekte von Wills Vergangenheit und Familiengeschichte.

Das Ende wird dann bewusst offen gehalten, was das Buch perfekt dafür macht, dass man es, zum Beispiel im Rahmen von Schulklassen, weiter diskutiert. Wie wird Will sich wohl entscheiden und welche Konsequenzen wird das haben? Wie würden wir uns an seiner Stelle entscheiden? Und warum werden viele von uns wohl nie in solch eine Situation kommen werden? Das hat mir sehr gut gefallen und dann auch zu meiner Gesamteinschätzung beigetragen.

Alles in allem ist dies ein gelungenes Buch über Kriminalität und familiale Ehre für Jugendliche. Ich denke, sowohl Teenager, die in einem solchen Milieu aufwachsen, als auch solche, die ganz weit davon entfernt sind, können durch dieses Buch neue Perspektiven und Denkanstöße gewinnen. Es ist ein sehr wichtiges Buch und sollte meiner Meinung nach in Lehrpläne integriert und in Klassen diskutiert werden. Sprachlich und im Aufbau ist es auch sehr gut gelungen, und durch die Versform und die Illustrationen entstehen viele Gänsehautmomente beim Lesen. Ich kann das Buch nur aus vollem Herzen empfehlen.

Habt ihr von dem Buch schon gehört? Eine deutsche Übersetzung unter dem gleichen Namen gibt es schon einige Jahre, aber zu ihrer Qualität kann ich leider nichts sagen.

Bis bald,
Eure Kitty Retro






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