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Donnerstag, 28. September 2023

Radikale Zärtlichkeit


Hallo meine Lieblingsleser,

ich stelle euch schon wieder ein Buch vor, direkt nachdem ich es beendet habe. Wer bin ich? Dieses Buch war ein Geschenk und das Cover allein ist schon so toll. Ich war sehr gespannt darauf, wie die Themen Zärtlichkeit, Liebe und romantische Beziehungen hier aufgearbeitet werden. Von der Autorin hatte ich noch nichts gehört oder gelesen, also eine Überraschung.

Die Fakten:

  • Autor: Şeyda Kurt
  • Titel: Radikale Zärtlichkeit
  • Erschienen: 2021
  • Verlag: Harper Collins
  • Seiten: 216
  • Preis: 18,00 Euro
  • Klappentext: "What is love? Ist die Liebe Sinn des Lebens, eine politische Allianz, Illusion oder Selbstzweck? Oder ist sie gar unmöglich, weil wir uns zwischen Zukunftsängsten, überhöhten Ansprüchen und diskriminierenden Strukturen völlig zerreiben? Şeyda Kurt nimmt unsere allzu vertrauten Liebesnormen im Kraftfeld von Patriarchat, Rassismus und Kapitalismus auseinander - und erforscht am Beispiel ihrer eigenen Biografie, wie traditionelle Beziehungsmodelle in die Schieflage geraten, sobald sich bei sicher geglaubten Wahrheiten Zweifel auftun. Wie also wollen wir wirklich lieben? Wen und wie viele? Wie kann er aussehen, ein radikaler Neuentwurf der Zärtlichkeit?"

Es handelt sich hier also um ein nichtfiktionales Werk, dass sich mit Zärtlichkeit und Liebe aus der Sichtweise einer umfassenden Kapitalismuskritik beschäftigt. Es ist keine wissenschaftliche Auseinandersetzung (auch wenn im Klappentext von Forschen geschrieben wird), aber es wird auf viele wichtige Texte und Autorinnen Bezug genommen, vor allem aus dem philosophischen und sozialwissenschaftlichen Bereich. Dadurch kann das Buch auch gute Anreize geben, wo man weiterlesen kann, wenn man denn möchte.

Die Autorin ist in Deutschland geboren, doch ihre Großeltern stammen aus der Türkei. Dadurch schreibt sie nicht nur aus einer weiblichen Sichtweise, sondern auch mit einem besonderen Fokus auf Rassismus. Sie lässt ihre eigenen Erfahrungen zum Thema einfließen, sowohl aus ihrer eigenen Beziehung als auch aus der Beziehung ihrer Eltern. Dabei war vor allem die Scheidung der Eltern für sie ein Moment, in dem viele feste Wahrheiten zu Liebe und Beziehung plötzlich ins Wanken gerieten. Es ist eine sehr spannende Perspektive, um sich diesem Themenfeld zu nähern, und ich habe gern darüber gelesen.

Neben dem Blick auf die Eltern lässt die Autorin aber auch einige Beispiele aus der türkischen Popkultur einfließen, so zum Beispiel Filme, die in den 60/70er Jahren in Istanbul gedreht wurden. Ich fand diese Beispiele sehr erfrischend, weil sie auch einen interessanten Kontrast zu heutigen Hollywood-Produktionen bilden und teilweise ganz offen gefragt haben, was Liebe denn nun eigentlich ist. 

Das Buch hat insgesamt neun Kapitel mit einigen Unterkapiteln. Die Struktur hat sich für mich allerdings nicht immer so klar ergeben. Besonders stark fand ich den Anfang des Buches, wo es um eine historische Einordnung unserer heutigen Vorstellungen von Liebe vor allem auch anhand von philosophischen Strömungen ging. Da war auch einiges dabei, das ist nicht wusste. Auch ihr Blick auf Monogamie und die rassistischen Vorstellungen zu Nicht-Monogamie fand ich sehr interessant. Danach fing das Buch dann aber an etwas auszufizzeln, ohne dass ich am Ende so den großen Knall erlebt habe, den das neue Konzept der radikalen Zärtlichkeit hätte auslösen können.

Ich glaube, die zweite Hälfte des Buches hat für mich dann einfach nicht mehr genug Neues gemacht, wie ich es mir gewünscht hätte. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass sie sich bei diesem Buch sehr stark auf einige wenige andere Schriften bezieht, sodass man sich teilweise beim Lesen fragt, warum man dann nicht einfach zu dieser anderen Schrift gegriffen hat. Da ist einerseits All About Love von bell hooks, und andererseits Warum Liebe Weh Tut von Eva Illouz. Ich habe beide Werke nicht in Gänze gelesen und kann deswegen hier keinen Vergleich anstellen, aber die Nummer der Bezüge und Zitate dazu war schon sehr auffällig.

Alles in allem hat mir das Buch aber gut gefallen. Ich habe einiges Neues gelernt, und werde sicher auch in Zukunft hier und da mal ein Kapitel nochmal lesen. Auch ist meine Neugier auf die anderen beiden genannten Bücher gestiegen. Ich finde, dass Şeyda Kurt hier ein sehr lesbares, durchaus radikales, aber trotzdem nachvollziehbares Buch über Liebe und Romantik geschrieben hat, das uns vermutlich allen gut tun würde zu lesen. Von mir gibt es also eine Leseempfehlung, wenn es euch interessiert.

Bis bald,
Eure Kitty Retro





Meine Bewertung:



Montag, 25. September 2023

Heimat - Deine Sünder


Hallo meine Lieblingsleser,

nachdem wir letzte Woche schon sowas Verrücktes gemacht haben und ein Buch direkt nach dem Beenden auf dem Blog besprochen haben, machen wir das heute direkt nochmal. Dieses Buch habe ich am Wochenende beendet für einen kleinen Readathon, wo man deutsche Autoren lesen soll. Ich habe in der Vergangenheit leider wenig Erfolg mit deutschen Autoren gehabt, aber durch einige Geschenke hatte ich ein paar Bücher parat. Dieses Buch war ein Geschenk von meiner Oma - und es hat ganze 0 Bewertungen auf Goodreads. 

Die Fakten:

  • Autor: Horst Lapp
  • Titel: Heimat - Deine Sünder
  • Erschienen: 1989
  • Verlag: Bertelsmann Club
  • Seiten: 240
  • Preis: gebraucht noch erhältlich
  • Klappentext: "Horst Lapp erzählt sein Leben. Es ist die Geschichte eines Außenseiters, der in seiner Jugend nur Hunger, Kälte, Prügel kannte, geschildert mit der Gelassenheit des naiven Beobachters und der Leidenschaft des Gepeinigten. Es ist die Geschichte eines Mannes, der es trotzdem schaffte."

Zur Handlung: In diesem Buch erzählt der Autor seine Lebensgeschichte so ziemlich von der Geburt bis zum Kennenlernen seiner zukünftigen Ehefrau. Wir denken damit ein paar Jahrzehnte ab, von mitten im Zweiten Weltkrieg bis in die 50er oder sogar 60er Jahre hinein, da bin ich gerade nicht ganz sicher. Sein Leben ist geprägt von großer Armut, da die Familie aus der Nähe von Straßburg in den Schwarzwald fliehen musste.

Der Autor hat dabei keine wirkliche Bildung erfahren. Ich bin kein Psychologe oder Sozialpädagoge, aber heute hätte er vermutlich eine Lern- oder anderweitige Entwicklungsstörung diagnostiziert bekommen, aber damals gab es sowas nicht. So ist er dann auch unvorbereitet in einer Welt, die immer mehr von ihm erwartet als er geben kann. Er gerät in viele Situationen, wo ich aus heutiger Sicht dachte, das muss man doch kommen sehen.... aber das ist immer leicht gesagt.

Dass der Autor erst spät im Leben Lesen und Schreiben lernte, und das Buch auch schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel hat, merkt man dem Schreibstil leider sehr an. Die Süddeutsche Zeitung schrieb damals über den "literarisch unbeholfene[n]" Stil der Geschichte, da braucht ihr euch also keine großen Erwartungen machen. Ich muss gestehen, so oft das Wort "lieb" genutzt wurde, da ist mir schon übel von geworden. Alle sind, waren, schauen oder lächeln lieb. Die ganze Zeit. Vor allem Tiere. 

Neben den lieben Feinden (er versteht das Konzept überhaupt nicht und hat mit den französischen Kindern gespielt, von denen er sich fernhalten sollte) und den lieben Tieren gibt es dann viele gar nicht liebe Menschen in diesem Buch. Der Autor wird aufgrund seiner Naivität und seinem fehlenden Argwohn häufig ausgenutzt und ausgebeutet. Zweimal kommt er ins Gefängnis, das zweite Mal dann wirklich auch dämlich, also da tat das Lesen dann schon auch weh. Es ist ein Buch, dass in mir viele schlechte Gefühle ausgelöst hat, weil es viele schlimme Dinge darstellt und die Hilflosigkeit des Autoren immer wieder so im Zentrum steht.

Ein bisschen Spanisch kam mir auch vor, was für ein Anti-Nazi der Autor als Kind angeblich gewesen ist. Er berichtet immer wieder davon, wie er Essen stielt und Kriegsgefangenen zuschmuggelt, die ihn dann dafür lieben. Vielleicht war es so, wer weiß das schon...

Was ich am Erzählstil vor allem am Anfang auch nicht so mochte, ist, dass der Autor aus der Sicht seines damaligen Ich schreibt und somit keine reflexiven Anteile in die Geschichte einbaut. Ich mag es lieber, wenn die Autoren dann auch darüber reflektieren, warum sie bestimmte Ansichten hatten oder Entscheidungen getroffen haben, und ob das heute noch so wäre oder anders, was sie daraus gelernt haben. Auch mal ein ominöses "Das habe ich damals noch nicht verstanden, aber werde es später lernen" oder irgendwie so. Aber nein, das bekommen wir nicht.

Gerettet wird der Autor schließlich vor allem von Frauen. Das ist vielleicht auch ungewöhnlich für die Zeit, und ich finde es schön, wie offen der Autor damit umgeht. Es sind erstaunlich oft Frauen, die ihm zumindest ein bisschen das Gefühl geben etwas wert zu sein oder ihm etwas geben, was beim Überleben hilft. Aber es gibt auch einige Frauen, die in der Geschichte nicht so gut wegkommen. Gänzlich verstörend fand ich die sexuellen Beziehungen, die angedeutet werden, vor allem mit der Frau eines Aufsehers während er im Jugendgefängnis ist...

Alles in allem ist das Buch ein interessanter Blick auf Bildung und die Rolle, die Wissen in unserer Welt spielt. Es verdeutlicht, wie wehrlos ein Mensch sein kann, wenn er die Welt um sich herum nicht versteht und nicht mithilfe von Bildung erschließen kann. Es zeigt auch, dass die 50er keine Zeit waren, die ich zurückhaben will. Horst Lapp hat es dank eines Zufallstreffens mit einer wohlhabenden, hochgebildeten Frau im Ruhestand geschafft in ein gutes Leben, in dem er sogar Bücher schreiben konnte. Viele andere haben das nicht geschafft. Trotzdem kann ich das Buch nicht empfehlen. Wenn ihr ein Buch über die Macht von Bildung lesen wollt, empfehle ich euch Educated (auf Deutsch Befreit).

Habt ihr je von diesem Buch gehört? Wo findet meine Oma sowas immer?

Bis bald,
Eure Kitty Retro





Meine Bewertung:



Mittwoch, 3. November 2021

Nujeen - Flucht in die Freiheit


Hallo meine Lieblingsleser,

es ist Non-Fiction November und ich möchte passend dazu mit dieser Autobiografie starten. Sie ist vergleichbar mit der Jugendausgabe von Malala, ein junges Mädchen, das aufgrund von Krieg und Zerstörung ihre Heimat verlassen muss. Das Besondere an Nujeen - sie sitzt dabei im Rollstuhl.

Die Fakten: 

  • Autor: Nujeen Mustafa & Christina Lamb
  • Übersetzung: Friedrich Pflüger & Wolfram Ströle
  • Titel: Nujeen - Flucht in die Freiheit- Im Rollstuhl von Aleppo nach Deutschland
  • Erschienen: 2016
  • Verlag: HarperCollins
  • Seiten: 299
  • Preis: 9,99 Euro
  • Klappentext: "Vor dem Krieg war sie trotz ihrer Krankheit, die sie ans Haus fesselte, ein gewöhnlicher Teenager, der Seifenopern liebte und sich so Englisch beibrachte. Als sie aus Aleppo fliehen muss, verliert die willensstarke junge Frau nie die Hoffnung auf ein besseres Leben. Eindrünglich und berührend erzählt die sechzehnjährige Nujeen, was es bedeutet, die Heimat und die Familie hinter sich zu lassen. Es ist die Geschichte unserer Zeit - am Beispiel einer bemerkenswert tapferen Syrerin, die nie aufgehört hat, zu lächeln."

Nujeens Leben war nie im klassischen Sinne "normal". Anhand ihrer Geschichte zeigt sie auf, wie schwierig es für Personen mit Behinderungen überall auf der Welt ist, ein selbstbestimmtes "normales" Leben zu führen, weil die Infrastrukturen dafür fehlen. Die Wohnung von Nujeens Familie in Aleppo ist im vierten oder fünften Stock und es gibt keinen Aufzug. Die männlichen Familienmitglieder tragen sie und den Rollstuhl nur zu besonderen Anlässen durchs Haus. Nujeen verbringt ihr Leben so ähnlich wie wir die letzten Monate - immer in den vier Wänden.

Damit beginnt die Geschichte, Nujeens ganz "normales" Leben in dieser Wohnung, mit einem Balkon, über dessen Brüstung sie kaum schauen kann. Sie schaut viel fern, liest viel, wenn der Strom ausfällt, und kriegt manchmal viel zu viel vom Leben ihrer Verwandten mit. Aber sie ist nicht unglücklich, nur manchmal ein wenig zickig, wenn jemand sie während ihrer Lieblingssoaps im Fernsehen stören will.

Als dann in Syrien die Proteste und schließlich der Bürgerkrieg ausbrechen, ist die Familie zunächst unschlüssig, was zu tun ist. Sie harren aus, die Schwester versucht sogar weiter zur Uni zu gehen, obwohl das nicht sicher ist. Irgendwann wird jedoch klar, dass die Familie nicht in Aleppo bleiben kann und sie fliehen zunächst zurück in das Dorf, aus dem sie stammen. Dieses hatten sie ursprünglich verlassen, damit Nujeen eine bessere Behandlung bekommen kann - doch das ist nun die geringste Sorge.

Als dann der Daesh das Dorf einnimmt, ist auch dort kein sicherer Hafen mehr für die Familie und notgedrungen fliehen sie weiter. Gemeinsam geht es noch in die Türkei, doch ab da muss Nujeen sich allein mit ihrer Schwester auf den Weg machen. Die beiden wollen es nach Deutschland schaffen, wo bereits ein Bruder auf sie wartet. Wir begleiten die beiden dann auf dem langen und abweisenden Weg durch Europa.

Die Flüchtlingskrise von 2015/16 ist vielleicht einigen noch im Kopf, auch wenn die Zeit schnell vergeht und immer neue Krisen auf uns warten. Eine von den vielen Menschen, die so verzweifelt nach einem Weg nach Deutschland suchten, war Nujeen. Ich war sehr glücklich, dieses Buch zu finden, denn es zeigt auf, wie beschwerlich dieser Weg war. Bei all der Propaganda, die wir uns aus dem rechten Spektrum seitdem tagein, tagaus anhören können, war dieses Buch so erfrischend, denn während es auf jeden Fall für Teenager geschrieben ist, und damit meist leicht und fast abenteuerhaft bleibt, so zeigt es doch, dass niemand diesen Weg freiwillig einfach mal so auf sich nimmt, um zu schauen, ob es in Europa nicht schöner ist.

Was mich am meisten geschockt hat - obwohl es mich nicht überrascht hat - sind die Preise. Viele Teile des Weges können nur mithilfe illegaler Schleußer zurückgelegt werden, zum Beispiel der Seeweg von der Türkei nach Griechenland. Diese lassen sich die "Hilfe" gut was kosten, wir sind hier im vierstelligen Dollarbereich. Die Haushaltskasse von den Menschen, die es tatsächlich nach Deutschland schaffen, muss also ordentlich voll gewesen sein, um den Weg überhaupt zu ermöglichen. 

Neben den klassischen Hindernissen und Hürden auf diesem Weg geht es natürlich auch immer wieder darum, dass Nujeen im Rollstuhl sitzt, was manchmal als gefährlich, manchmal als nützlich gesehen wird. So zweifelt ihre Familie beispielsweise daran, ob das Schlauchboot, das sie nach Griechenland bringen soll, mit dem Rollstuhl nicht sinken wird, und er wird beinahe zurückgelassen. Andererseits kann der Rollstuhl auch dazu dienen, Mitfahrgelegenheiten zu bekommen. Insgesamt macht er den Weg aber eben nochmal besonders. Getroffen hat mich zum Beispiel der Fakt, dass Nujeen das erste Mal an einem deutschen Bahnhof einen Fahrstuhl sieht - nachdem sie in so vielen Bahnhöfen war.

Nujeen als Person mochte ich beim Lesen sehr. Sie ist sehr optimistisch, was man auch manchmal als naiv abtun kann. Aber sie hat auch die Gabe Dinge zu bewundern, zum Beispiel als sie das erste Mal in einem Flugzeug ist. Das macht sie sympathisch und gleichzeitig auch authentisch. Mit ihrer guten Laune gelingt es, diesem langen beschwerlichen Weg ein bisschen Abenteuer einzuhauchen, wobei auch hilft, dass man natürlich im Hinterkopf weiß, dass es gut ausgeht. Andererseits verschweigt sie aber die Momente nicht, in denen es nicht gut ausgegangen ist.

Der Schreibstil ist dabei sehr flüssig, und das Buch liest sich sehr schnell. Es ist auf jeden Fall für junge Leser geschrieben, was aber nicht heißt, dass man daraus nichts mehr lernen kann. Vor allem für Personen, die in der EU, in Deutschland leben, ist dieses Buch für mich ein Muss. Eh man sich irgendeine Meinung über Geflüchtete bildet, sollte man dieses Buch lesen. Es hat mir auf jeden Fall nochmal die Augen geöffnet, wie lang der Weg aus der Türkei hierher wirklich ist, auch wenn ich diesen Weg als Kind mit meinem deutschen Ausweis in nur 3 Stunden zurücklegen konnte. Vielen Menschen ist das nicht vergönnt, und wir sollten ihnen den Respekt und die Hilfe gewähren, die sie als Menschen verdienen.

Ich glaube, das Buch ist besonders auch für alle geeignet, die sonst noch nicht viel Non-Fiction lesen. Ich hoffe, ihr kauft es und lest es. Ich werde es meiner Oma zu Weihnachten schenken, damit sie vielleicht endlich der rechten Propaganda kein Gehör mehr schenkt.

Bis bald,

Eure Kitty Retro





Meine Bewertung:






Wer nicht überzeugt ist, kann ja mal in dieses Video schauen:



Mittwoch, 1. September 2021

Persepolis - Jugendjahre

Hallo meine Comic-Freunde,

letztes Jahr hatte ich euch bereits den ersten Teil dieses biografischen Graphic Novels vorgestellt. Ihr findet meinen Post dazu hier. Heute möchte ich noch über den zweiten Teil sprechen, den ich bisher noch nicht gelesen hatte. Das Buch passt gerade auch gut ins aktuelle Geschehen, denn die Autorin beschreibt, wie in den vergangenen Jahrzehnten der fortschrittliche Iran unter die Macht von fundamentalistischen Islamisten fällt und damit für viele Menschen die Welt zusammenbricht. Ähnlich passiert ja gerade in Afghanistan auf sehr dramatische Weise.

Marjane Satrapi stammt dabei aus einer sehr interessanten Familie, die einerseits mit dem ehemaligen Königshaus verwandt ist, andererseits sehr links eingestellt ist und bei der Revolution einen sozialistischen Staat anstrebte. Der erste Teil des Buches berichtet von Marjanes Kindheit, als es plötzlich nur noch geschlechtergetrennte Schulen gab und Mädchen Kopftuch tragen mussten. Ich konnte mich in den Teil sehr gut hineinversetzen, denn wie hätte ich wohl reagiert, wenn mir das in der Grundschule passiert wäre?

Allgemein hat mir an dem Graphic Novel so gut gefallen, dass die Autorin sich selbst auch nicht "schön schreibt", sondern ehrlich darstellt, wie sie auf bestimmte Dinge reagiert hat. Dabei nimmt sie den Leser gut mit, denn wenn jemand so ehrlich über sich selbst schreibt, kann man auch alles andere gut glauben. Das Buch hat dabei einige sehr dunkle Themen und es geschehen schreckliche Dinge, aber da die Autorin in vielen Momenten selbst noch Kind ist, ist es auch relativ kindgerecht wiedergegeben.

Im zweiten Teil wird Marjane von den Eltern nach Österreich geschickt, damit sie eine bessere Ausbildung und mehr Freiheit genießen kann. Hier werden auch Themen wie Fremdenfeindlichkeit angeschnitten, aber eher am Rande. Eher geht es darum, wie schwierig es ist, ohne die eigene Familie in einem fremden Land zu sein, wo niemand wirklich auf einen aufpasst. Auch das fand ich gut und sehr ehrlich dargestellt. Besonders schockierend fand ich, wie offen die Autorin mit ihrem Drogenkonsum und ihrer Obdachlosigkeit umgegangen ist. Das Buch verdeutlicht dabei auch, wie leicht man eben doch in so eine Situation geraten kann.

Es geht dann aber auch wieder zurück in den Iran, den Marjane nun mit westlich geprägten und älteren Augen sieht. Ich fand es dabei sehr spannend, wie die Freundinnen von Marjane dargestellt sind, und wie viel Verständnis über die Zeit bei der Autorin für sie entstanden ist, obwohl sie im ersten Moment so angepasst wirkten - aber eben angepasst an eine westliche Welt, die ihnen absolut verboten war; und damit eben die Rebellion gegen das System. Auch hier bleibt die Autorin gnadenlos ehrlich mit sich selbst, auch in einer Situation, für die der Leser (und ihre eigene Großmutter) sie verdammen. 

Alles in allem fand ich auch den zweiten Teil interessant und bin froh, dass ich nun das ganze Werk gelesen habe. Den ersten finde ich aber trotzdem etwas besser, weil ich einfach diese Perspektive eines Kindes auf die Geschehnisse mochte. Der zweite Teil wirkt dagegen dann zwar erwachsener, aber auch etwas unfokussierter, weil wir einfach den Geschehnissen folgen. Aber insgesamt ist dieser Graphic Novel wirklich empfehlenswert und sehr augenöffnend.

Habt ihr das Buch schon gelesen oder habt ihr jetzt Lust darauf bekommen?

Bis bald,

Eure Kitty Retro

 

 

 

Meine Bewertung:



Freitag, 11. Juni 2021

Know My Name


Hallo meine Lieblingsleser,

heute möchte ich euch von einem neuen Lieblingsbuch berichten. Als ich das erste Mal davon hörte, war ich fest davon überzeugt, dass dies ein 5-Sterne-Buch für mich wird, da gab es keinen Zweifel. Und so ist es auch gekommen. Umso mehr freue ich mich, dass ich jetzt hier auch davon erzählen kann.

Die Fakten:

  • Autor: Chanel Miller
  • Sprecher: Chanel Miller
  • Titel: Know My Name
  • Erschienen: 2019
  • Verlag: Penguin Audio
  • Dauer: 15 Std. 24 min (ungekürzt)
  • Preis: 9,95 Euro (im Abo)
  • Klappentext:

    "She was known to the world as Emily Doe when she stunned millions with a letter. Brock Turner had been sentenced to just six months in county jail after he was found sexually assaulting her on Stanford's campus. Her victim impact statement was posted on BuzzFeed, where it instantly went viral - viewed by 11 million people within four days, it was translated globally and read on the floor of Congress; it inspired changes in California law and the recall of the judge in the case. Thousands wrote to say that she had given them the courage to share their own experiences of assault for the first time. Now, she reclaims her identity to tell her story of trauma, transcendence, and the power of words. It was the perfect case, in many ways - there were eyewitnesses, Turner ran away, physical evidence was immediately secured. But her struggles with isolation and shame during the aftermath and the trial reveal the oppression victims face in even the best-case scenarios. Her story illuminates a culture biased to protect perpetrators, indicts a criminal justice system designed to fail the most vulnerable, and, ultimately, shines with the courage required to move through suffering and live a full and beautiful life."

Zur Handlung: Chanel Miller war bereits keine Studentin mehr, als sie beschloss, noch einmal mit ihrer kleinen Schwester auf eine College-Party zu gehen. Die Nacht war wild, sie hatte viel Spaß mit ihrer Schwester, doch irgendwann wacht Chanel auf und kann sich nicht mehr erinnern, wo sie ist und was passierte. Sie erfährt, das "etwas" mit ihr passiert ist, doch die Polizei kann noch nichts Genaueres sagen.

Chanel übersteht alle Tests und Beweisaufnahmen im Krankenhaus, darf nach Hause fahren und erfährt ein paar Tage später aus der Zeitung, was geschah: zwei Radfahrer hatten entdeckt, wie ein männlicher Student versuchte sie hinter einem Müllcontainer zu vergewaltigen. Sie konnten ihn stoppen, festhalten und der Polizei übergeben - all das hat Chanel nicht mitbekommen. Als die Staatsanwaltschaft fragt, ob Chanel als Zeugin bei dem Fall helfen wird, stimmt sie zu, doch sie ahnt nicht, wie das ihr Leben verändern wird.

Einige von euch erinnern sich vielleicht noch an den viralen Beitrag, der damals große Wellen schlug. Chanel Miller hat Jahre, nachdem sie sexuell angegriffen wurde, während sie stark alkoholisiert war, Jahre, die sie mit Gerichtsterminen, Gas Lighting durch die Verteidigung und Versuchen eines Neuanfangs verbracht hat, zu Papier gebracht, was diese Nacht - was Brock Turner - mit ihr gemacht hat, aus ihr gemacht hat.

Dass dieses Buch keine leichte Kost ist, wusste ich. Darum hatte ich es nun bestimmt ein Jahr lang auf meiner Wunschliste und konnte mich doch nie ganz zu bringen. Und es war auch wirklich hart, zunächst die Schilderungen, was Chanel physisch wiederfahren ist, dann was ihr psychisch wiederfahren ist. Dabei ist es fast schlimmer, sich die Ausführungen zum Trial, vor allem zum Auftreten des Verteidigungsanwalts, anzuhören, als zum ursprünglichen Angriff.

Chanel Miller ist dabei eine begnadete Autorin. Ihr gelingt es, die richtigen Worte zu finden, die perfekten Beispiele zu beschreiben und dabei auch immer wieder den perfekten Ausblick, die perfekte Reflexion einzubauen. Sie gibt einem nicht vor, was man denken soll, aber dennoch beschreibt sie alles so artikuliert, dass man am Ende nur zu einem Schluss kommen kann.

Besonders gut hat mir auch gefallen, dass zwischen den schrecklichen Kapiteln immer auch hoffnungsvolle waren, in denen wir Chanel als Menschen sehen, ihre Kreativität und ihren Hang zu Kunst und zum Kreieren. Dadurch gelingt es ihr zu zeigen, dass der sexuelle Angriff nicht alles ist, was sie ausmacht und bestimmt - da ist so viel mehr. Und trotzdem sehen wir ihr Leben auf gewaltsame Weise zum Stillstand verdammt, während der Prozess sich immer länger hinzieht, immer wieder verschoben wird.

Chanel Miller macht in ihrem Buch auch deutlich, welche Ungleichheitsdimensionen dieses Thema zeichnen. Sie betont, dass ein lateinamerikanischer oder schwarzer Täter niemals nur 6 Monate im Gefängnis bekommen hätte, genauso jemand, der nicht Student einer Eliteuni wäre, sondern vielleicht nur die Küchenhilfe der Mensa. Sie zeigt auch, dass es viele Opfer gibt, die nicht die geringste Chance haben, überhaupt ein Schuldig von einer Jury zu erhalten, gerade Opfer von häuslicher Gewalt und Vergewaltigung in Ehe und Familie. 

Das Ende gibt Hoffnung, denn wir hören, wie sich durch die große Medienwirksamkeit dieses Falls tatsächlich kleine Veränderungen in Kalifornien ergeben haben. Gleichzeitig schreibt Chanel Miller von Donald Trump und seinen sexistischen Lockerroom-Gesprächen. Sie kritisiert, wie mit diesem Mann und seinen Kumpanen quasi die laufende Rape-Culture ins Weiße Haus eingezogen ist. Gleichzeitig spricht sie auch von einem Brief, den Joe Biden ihr geschrieben hatte, um ihr Bewunderung auszusprechen.

Alles in allem ist dies ein ganz wundervolles Buch, das dennoch schwer im Magen liegt, weil wir sehen, wie sexistisch und opferfeindlich das Justizsystem der USA und eigentlich die ganze Welt immer noch sind. Es verdeutlicht Rape Culture wie kein anderes Buch, das ich bisher gelesen habe, und ich habe auch meinen Partner gebeten, es zu lesen. Ich hoffe, jeder liest dieses Buch, vor allem auch die männlichen Leser unter euch.

Bis bald

Eure Kitty Retro



Meine Bewertung:



Freitag, 14. Mai 2021

Starkes weiches Herz: Wie Mut und Liebe unsere Welt verändern können

Hallo ihr Lieben,

als ich von diesem Titel das erste mal gehört habe dachte ich - das brauchst du ganz dringend in deinem Regal. Irgendwie habe ich es dann wieder aus den Augen verloren und nun kam es auf Bookbeat in mein Blickfeld und ich sah meine Chance. Wahrscheinlich wird das ein Buch sein, was ich mir auch mal kaufen werde, denn ich möchte es einfach haben.

Fakten:
  • Autorin: Madeleine Alizadeh
  • Erzählerin: Madeleine Alizadeh
  • Sachbuch
  • 2020 erschienen (als Hörbuch)
  • 8h 32min
  • avm Verlag
  • Preis: 15,45€ (Audio-CD)
Klappentext:
"Madeleine Alizadeh, im Internet als "dariadaria" bekannt, beschäftigt sich mit all den kleinen großen Fragen: Ist mein Leben erfüllt? Was ist mir wichtig und wie stehe ich dafür ein? Wie kann ich in einer Welt voller Krisen optimistisch bleiben? Sie gibt ihren Leserinnen einen gut gefüllten Werkzeugkoffer mit auf den Weg, der ihnen hilft, sich ihrem inneren Zuhause mit ganz viel Liebe zu widmen und für all das, wofür es sich zu kämpfen lohnt, mit Mut einzustehen: für Feminismus und Gleichberechtigung, gegen Klimawandel und rechte Hetze. Gleichzeitig stark und weich zu sein ist kein Widerspruch. Eine beeindruckende junge Frau!"

Dieses Buch ist eine Zusammenfassung vieler Momente und Gedanken der Autorin aus ihrem bisherigen Leben. Dabei ordnet sie alles in Teilbereiche. Diese einzelnen Bereiche grenzen sich auch eindeutig ab. 

Sie beginnt mit allgemeineren Themen wie politischen Gegebenheiten. Dabei betrachtet sie vor allem viele Vorurteile und Klischees. Was sie so erlebt hat wird einigen nicht unbekannt sein. Klar hat sie nicht die Alleinstellungsprobleme - sowas gibt es eben nicht - doch der Umgang mit ihnen erscheint mir bei ihr doch besonders. 

Zentrale Themen sind Feminismus, Karriere, Beziehungen und wie junge Menschen sich in der Welt beweisen.

Im Laufe des Buches wird sie immer persönlicher. Sie berichtet von ihrer Familie und ihrem Bekanntheitsstatus. Natürlich erzählt sie meistens von Herausforderungen und auch Schwierigkeiten, da sie ja die - ihre - Lösung dafür zeigen möchte.

Diese Lösung steckt für sie im Umgang mit einfach allem. Insbesondere legt sie großen Wert auf alle Emotionen und mit ihnen ans Ziel zu kommen, anstatt sie zu verbergen wie viele Menschen es wohl tun. Für diese Haltung kann ich sie einfach nur mögen. Auch ich finde es absolut erstrebenswert immer alle Emotionen zu transportieren. Na klar ist das dann auch für alle um einen herum nicht so super leicht, doch umgedreht wollen ja auch alle ausgehalten werden. 

Im Hörbuch kommt natürlich sehr stark rüber wie ihre Haltung ist und auch wie gut sie in sich ruht. Deswegen würde ich euch definitiv das Hörbuch empfehlen wenn ihr den Inhalt kennen wollt, aber unsicher seid ob das was für sie ist. 

Ich glaube auch das dieses Buch nur für wenige so richtig toll sein wird, denn man muss schon ähnlich ticken um nachvollziehen zu können was die Autorin wie entscheidet. 

Der Schreibstil ist sehr umgangssprachlich und fast so als würde sie direkt mit einem quatschen. Dieses Schätzchen möchte ich daher nicht empfehlen, sondern jedem ganz nah ans Herz legen,

eure Blue Diamond.

Sonntag, 25. April 2021

Der Honigbus

Hallo an alle Bienenfreunde,

in diesem Roman könnt ihr vielleicht nicht mehr so viel lernen, aber andere, die noch nicht viel über Bienen wissen umso mehr.

Fakten:
  • Autorin: Meredith May
  • Übersetzerin: Anette Grube
  • 2019 erschienen
  • 320 Seiten
  • S. Fischer Verlag
  • Preis: 22,00€ (gebundenes Buch)
Klappentext:
"Ein rostiger alter Bus im Garten des Großvaters und seine Bienen werden für Meredith ihr einziger Halt. Denn sie ist erst fünf, als sie von ihren Eltern nach deren Trennung vollkommen sich selbst überlassen wird. Der Großvater nimmt sie mit in die faszinierende Welt der Bienen – und rettet ihr so das Leben. Die Bienen werden Meredith zur Ersatzfamilie: Wenn sie sich verlassen fühlt, zeigen sie ihr, wie man zusammenhält und füreinander sorgt. Wenn sie über ihre depressive Mutter verzweifelt, bewundert sie die Bienen dafür, ihre Königin einfach austauschen zu können. Die Bienen lehren Meredith, anderen zu vertrauen, mutig zu sein und ihren eigenen Weg zu gehen. »Der Honigbus« ist eine starke Geschichte über das Leben und die Weisheiten der Natur."

Dieser Klappentext ist ziemlich ausführlich und daher möchte ich inhaltlich gar nicht so viel ergänzen.
Irgendwie bringt er die Geschichte sogar besser auf den Punkt als manche Passage im Buch die sich irgendwie drumrum windet.

Meredith ist nicht so allein wie es beschrieben wird, doch kommt sie sich sicher emotional völlig verlassen vor. Die Autorin erzählt hier Ausschnitte ihres Lebens und ich muss sagen, um ihre Kindheit wird sie wohl niemand beneiden. Ich frage mich wie das für die anderen Familienangehörigen und damit Figuren dieses Buches so ist, das zu lesen. 

Ich glaube das der Fokus eigentlich auf den Bienen liegen soll und ja man lernt total viel über sie. All das Wissen ist auch glänzend eingebaut und einfach verständlich beschrieben. So viele Vergleiche zwischen der Tierwelt und der menschlichen Gesellschaft habe ich noch nie in einem solchen Buch gehabt. Es ist sehr faszinierend wie zum Beispiel Bienen unangenehme Dinge und Störungen händeln und wie unglaublich schwer das doch Menschen fällt. 

Kurz nach beenden des Buches dachte ich die Mutter ist meine absolute Hassfigur, doch ich glaube schlimmer finde ich die Oma. Keine Ahnung wie man als Erwachsener so wegschauen kann. Wie man so blind für das Wohlbefinden von Kindern sein kann. Vielleicht ist es auch normal dass sie ihr eigenes Kind versucht zu schützen. 

Natürlich ist der Opa ganz reizend und gleichzeitig so gefangen in seiner eigenen Welt in die er auch die Kinder versucht mitzunehmen. Der wohl treffenste und spannendste Satz in diesem Buch stammt von ihm - sinnhaft - irgendwann ist jeder alt genug um selbst über sein Leben zu entscheiden.

Also ich bin zwiegespalten mit der Geschichte. Ich hab etwas anderes erwartet und war schnell ziemlich schockiert. Allerdings ist alles so direkt und authentisch formuliert, dass ich größten Respekt vor der Autorin habe. Allerdings bin ich auch ehrlich - lieber hätte ich nur über die Bienen gelesen. Emotional habe ich so mit den Kindern mitgelitten, dass ich mich einfach nur gefreut habe als es endlich besser wurde.

Empfehlen kann ich diese Geschichte natürlich an alle die mehr über Bienen wissen möchten, aber viel mehr denen die biografische Geschichten mögen. Diese hier ist sehr tiefgründig,

eure Blue Diamond.